Nächtliche Umwege

Nur, falls du es vergessen haben solltest: Es gab sie, diese Stunden, diese Tage, in denen du das Leben fiebernd bei dir hattest und jedes Wort, an dich gerichtet, glücklich war – voller Schmerz nur, weil du immer dachtest, dass die Tat dem Wort nicht folgen kann.

 Die Wege lerne kennen,

auf die der Zufall dich gelockt.

Dass (mir) alle bleiben, die schon längst und lange fort sind, weiß ich immerhin solange, bis ich selbst nicht mehr bleiben darf.

Der Eigensinn, den ich meinem Leben zu geben versuche, ist verschieden von dem, den das Leben mir nahe legt. Und immer ist es eine bizarre, zerbrechliche Konstruktion, die dabei für kurze Zeit entsteht, weil wichtige Teile fehlen und andere nicht zusammen-passen – kein Haus, um dauerhaft darin zu wohnen!

Von all den Wahrheiten und all den Wirklichkeiten, die sie begründet haben mögen, bleibt mir am Ende nur: meine Wahrheit, die mir die Wirklichkeit so beschreibt, dass ich damit leben kann. Wenden wir uns also den bedeutenden Dingen zu, indem wir sie uns deuten. Ein Leben reicht dazu nicht aus – na und?

Ist es (nicht) furchtbar, dass etwas „furchtbar schön“ genannt werden kann?

Nacht-Wandler

Alles Weitere wird sich finden, wenn du das Weite suchst. Wenn ich mir – wann immer – dieses „du“ zurufe, gelingt es wenigstens einen Moment lang, mit einem distanzierten Blick „von oben“, etwas Abstand vom Dahinströmen der Gedanken zu gewinnen.

Wahrheit ist (so vielleicht) möglich, unter der Bedingung, dass du aufgibst, sie ein für alle Male zu behaupten oder verkünden zu wollen und sie jedenfalls nicht und niemals denen zugestehst, die sich gestatten, gleich die „ganze Wahrheit“ auszusprechen.

Warum wird so manchem leidenschaftlichen Suchen der Süchtigen eil-fertig die Flucht aus der Realität in die Krankheit attestiert, statt sie nach der Beschaffenheit des Wegs zu fragen oder gar selbst Auskunft zu geben? Wer sich widersetzt, lernt wieder Sätze denken, die notwendig sind. Wer widersteht, lernt wieder stehen.

Bedenke also: du bist immer Teil der Wirklichkeit, die du (ohne dies jeweils bewusst zu erleben) zu sehen glaubst; und so ist nicht einmal dein Sehen – an und für sich – wahrhaftig. Das Leben bleibt verborgen genug, um Glücksmöglichkeit zu sein, wie Epikur es sich dachte.

Irrlichter

Das sentimentale, wohlfeile und -gefällige Gerede von der in diesem und jenem Kunstwerk (un)sichtbaren, spürbaren, jedenfalls zum Ausdruck gebrachten Erinnerung an die „Vergänglichkeit allen Seins“ war schon immer nichts als eine glatte Lüge; genauso wenig kann eine Frage im „Raum stehen“ oder „etwas aus dem Nichts“ kommen. Nichts ist vergänglich und erst recht nicht die Lüge, ob als Täuschung oder irrlichternd, wie die Musen sangen: „Wir verstehen uns darauf, viele Lügen zu sagen.“ Was vergeht, ist nur das, was wir Zeit nennen; keine Kunst, die davon nichts wüsste…

Und jetzt, am Nachmittag dieses Sommers, ist von hier aus zu sehen und zu hören, wie sich ein paar, noch kraftvoll grüne Blätter vom benachbarten Baum lösen, dann sehr langsam, windbewegt, zu Boden trudeln und mit nie zuvor gehörtem Rascheln sicher landen. Still ist es auf einmal, mitten in der Stadt.

Wer gesund werden will, muss Stille um sich versammeln. Es ist der Lärm der Welt, in jeder Bedeutung oder Spielart, der krank macht. Kranke können nichts (mehr) beitragen zur Veränderung der Welt.

Nacht-Geheimnis

„Ein jeder nimmt sein Geheimnis mit ins Grab, wie es ihm möglich war, zu leben.“

Hugo von Hofmannsthal

Aber tragen Geheimnisse den Verrat nicht stets stillschweigend im Gepäck?  Kann also – innerhalb des (logischen) Sprachspiels – etwas eindeutig als Geheimnis behauptet werden, wenn es nie gelüftet wurde oder werden kann? Und besteht das Geheimnis vieler Geheimnisse einfach darin, dass da gar nichts ist, hinter dem Schleier des Geheimnisvollen? Für die Religionen genügt es ja auch, einen Gott zu behaupten, um den Gläubigen alles Mögliche dafür abzuverlangen; dass das Geglaubte existiert, scheint für die Wirksamkeit der Glaubens-Gesetze und –Sätze von geringer Wichtigkeit.

Und wenn, um zwei Uhr nachts, über die regennassen Balkonblumenblätter hinweg, auf dem Bürgersteig gegenüber, plötzlich eine heftig schwankende Frau erscheint, auftaucht und zu sehen ist, wie sie ihren spitzähnlichen Hund hinter sich her zerrt, der immer wieder ergebnislos versucht, an Zaun und Baum stehen zu bleiben, bis er, genervt, sich kläffend beklagt, ohne auch damit, abgesehen von einem undeutlichen Fluch der Davoneilenden, der Befriedigung seiner Bedürfnisse näher zu kommen…

So ist dies – vielleicht – kein freundliches Bild und auch keines, das Freude macht. Und wenn das Schöne mit dem, was Freude bereitet, verbunden sein soll: Wie viel Vergessen ist dann nicht nur nötig, sondern notwendig, um (wenigstens) zufrieden leben zu können? Und besteht das Geheimnis des glücklichen oder geglückten Lebens nicht zuletzt darin, sich eine besonders ausgeprägte Fähigkeit anzueignen, vergessen zu können?

Kann es sein, dass die Gedanken (nicht zuletzt) deshalb für frei erklärt wurden, damit wenigstens „im Geiste“ all die kleinen und großen Gemeinheiten oder Grausamkeiten begangen werden „dürfen“, die – ausgeführt – verboten sind, oder gar unter Strafandrohung stehen? 

Was bedeutet es also (für mich), dass ich mich zwar fragen kann, ob (und wie) es mir überhaupt möglich ist, mich zu fragen, ohne selbst darauf eine (mir schlüssige) Antwort geben zu können? Oder kann ich mich – in Wirklichkeit – gar nicht (be-)fragen und gehört diese Rhetorik-Figur zu all dem, Tag für Tag durch alle Kanäle fliegenden, Sprach-Müll des „Nicht Wirklichen / Unglaublichen / Spannenden“ usw. usw.?

Die Sprache der Laute kennt keine Fragen an sich selbst. Sie gilt fraglos. Sie ist fast immer dem Wahren ganz nah.

Ich erkläre also das Unklare und Ungeklärte zu meinen Favoriten beim Spiel mit der Wahrheit.

 

Eigen-Sinn

Wäre es nicht sinnvoll, angesichts besinnungsloser, weltweit und tagtäglich ausgeübter physischer wie psychischer Gewalt und in Anbetracht der dafür in Hülle und Fülle zur Verfügung stehenden „Hilfsmittel“, jedwede Suche nach einem Sinn im Einzelnen, im Ganzen und ein für alle Male aufzugeben?

Führt nicht die einst so wortreich und wortgewaltig verkündete, geforderte und vorhergesagte Negation der Negation (dich, der sich damit anfreunden wollte und konnte) geradewegs in die „Einsamkeit der Wälder“, weil das Ganze, als das totalitäre Unwahre, sich mit allergrößter Macht und Brutalität behauptete?

Und weil es das Gute nicht gibt und schon gar nicht das Böse, lautet also, ihr Pastoren und Politiker und sonstigen Lautsprecher, die schlechte Nachricht: Es gibt keine guten Menschen… und die gute Nachricht: Es gibt keine schlechten Menschen.

Wenigstens versuchen musst du es, wieder und wieder die Regeln zu verletzen, indem du sie an und für sich als fragwürdig anerkennst.

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