Die Nacht…und nichts ist begründbar unwirklich

Die Angst: Sie muss nicht erst kommen; sie ist stets sprungbereit, immer schon da, um dich daran zu erinnern, sie nicht aus den Augen zu verlieren, niemals. Vielleicht, wer weiß das schon, ist sie es sogar, die das Da-Sein erst zum Leben erhebt, als bedrohliche wie unvermeidbare Herausforderung zugleich?
Ich glaube, zu wissen, dass die meisten Gründe erst Resultat geworden sind, bevor sie begründend werden konnten. Ich weiß, dass das, was Grund genannt wird, zu etwas Begründendem erst gemacht und dann dazu erklärt werden musste. Ich weiß, dass das Nachdenken über die, Tag für Tag, von all den Moderatoren und sonstigen Laut-Sprechern verkündete, unbegründete Inanspruchnahme von allem Möglichen zur Begründung von allem Möglichen, vorwiegend Sinnlosem, kein Resultat ergeben wird. Folglich muss es, als Geistes-Tat, in einer Wirklichkeit des inflationären "nicht wirklich…" und "unglaublich…" notwendigerweise folgenlos bleiben.
Resultate bestechen (überzeugen also nicht) durch eine unübersehbare Fülle von so unbegründeten wie unbegründbaren Ereignissen, Handlungen, Taten und Geschehnissen, die ein für alle Mal als unhinterfragte, also "gesicherte" menschliche Übereinkünfte, mehr noch: Erkenntnisse gelten.
Nein, ich glaube nicht, glaube aber zu wissen, dass auch dem zu misstrauen ist, der vorgibt zu misstrauen; denn auch er…
Warum also wundern wir uns nicht tagtäglich, ja: ununterbrochen, über das, was in uns all die Gedanken und Vorstellungen hervorzubringen vermag, deren "Produktionsbedingungen" nach wie vor, in einem weiten, dunklen und verwirrenden Labyrinth unauffindbar zu sein scheinen?

 

Und der Tag? Wenn er träumen könnte, würde er vielleicht von der Nacht träumen, die Nacht indessen ganz bestimmt nur von sich selbst. 

Einmal Außenseiter…

Damals, vor sehr langer Zeit, als noch nichts so wichtig war, als dass es nicht sofort wieder unwichtig werden konnte – damals lebten wir Kinder, tief im Süden von Berlin, barfuß auf der Straße; jedenfalls so lange es nur ging. Und es ging vom späten Frühling bis zum frühen Herbst, vom frühen Nachmittag bis zum frühen Abend und so oft es geduldet wurde, von Seiten der Erziehungsberechtigten. Doch allein schon aus finanziellen Gründen galt es den Sommer über auch von Seiten der Erwachsenen als durchaus erwünscht. Füße waschen und ab ins Bett!

Und nur dieses Auf-der-Straße-Sein erschien uns als das Leben, das wir am liebsten immer so für uns behalten wollten.

„Nicht zu den Schlechtesten zu gehören“, meint Seneca, „wäre schon gut.“

Der wahre Spieler spielt nicht, um zu gewinnen, sondern um zu verlieren. Nur die jederzeitige Möglichkeit, zu verlieren, entfacht die Lust und die Leidenschaft als Entgegenfiebern. Der dauerhafte Gewinn beendet jedes Spielen, entzaubert es geradezu, weil Sinn und Wesen des Spielbegriffs einzig und allein in der Dialektik von Sieg und Niederlage aufgehen, ja: sich darin erst verwirklichen.

Der, in diesem Sinne, ehrliche wie wahrhaftige Spieler wird zum Außenseiter, der die Außenseiter liebt, ja lieben muss, um mit Überzeugung darauf wetten zu können, dass sie gewinnen. Und Je mehr er sie liebt, desto größer ist seine Leidenschaft, desto tiefer ist er Spieler. So gering seine Chancen auch objektiv sein mögen – für ihn, wenigstens darin ist er sicher, kann es nur dann gut oder immerhin besser werden, wenn er sich nicht davon abbringen lässt, die Außenseiter zu seinen Favoriten zu machen. Wer also auf den Spieler setzt, vertraut ihm auch als Außenseiter und oft wird er vergeblich gehofft haben, aber am Ende vielleicht trotzdem sagen: Es hat sich – ganz unerwartet – gelohnt!

An die Nachtwache der Freundlichkeiten

Jeden Tag nur ein Wort

das noch bleibt für die Nacht

nur ein einziges Wort

in die Stille gedacht.

Vom Bleiben des Flüchtigen

Der Graffiti-Künstler LOOMIT erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit den Sprayern in Sao Pâulo: „Die haben fast nichts, außer Zeit, und die muss genutzt werden. Und nur das machen sie.“
Der Graffiti-Künstler als Sisyphus der Moderne; und auch ihn kann man sich durchaus „als einen glücklichen Menschen vorstellen“, wie Albert Camus einst den historischen Sisyphus charakterisierte.

„…wir haben die Kunst, um nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen.“ (Friedrich Nietzsche)

Nie bist du der, der von sich sagen könnte, wer er ist, noch wer er war und sein wird, ohne dich dabei in unauflösbaren Widersprüchen zu verlieren und (nicht) wiederzufinden. Fordere das Eigene; darin sei unerbittlich, um dir den Augenblick und so das Leben selbst zu schenken.

Flüchtige

Wir verlieren uns zwischen Himmel und Erde

und hoffen: gefunden zu werden.

Wir reisen durch die Weltgeschichte

und wissen nicht: wozu wir da sind.

 

Wir finden den Weg schon allein

und bleiben für uns, irgendwie.

Wir kennen uns aus, überall

und erkennen uns nicht, vielleicht nie.

Tag und Nacht

Allmorgendliches Grauen, alltägliche Behauptung, allnächtliche Versöhnungs-Versuche…
im ruhigen Atmen größtmöglicher Stille, um das Unbegreifliche, doch seit jeher Ersehnte des ganz und gar Anderen vielleicht hören zu können, wenn es schon kaum mehr vorstellbar zu sein scheint und all die Bilder – mal unglaubwürdig, mal zweifelhaft – längst nichts mehr beitragen können zu dem, was Erkenntnis davon sein sollte und irgendwann einmal sein wollte?
Nein, das zählt nicht; ich zähle nicht. Mich rechnet nicht dazu. Mit mir ist nicht zu rechnen. Ich bin unzurechnungsfähig. Und nur davon wäre zu erzählen, wenn zu später Stunde abgerechnet werden müsste.
Das Bild einer schweigenden Ebene. Jemand nähert sich von ganz weit hinten. Und von Weitem ist schön zu sehen, wie er geht, nein: schreitet.
Um zu sich zu kommen, ist es nötig, auch von sich ausgehen zu können. Alles Gelingen zeigt: was noch zu tun bleibt, also fast alles. Vielleicht muss oft auch nur gestorben werden, weil der Kopf zu voll geworden ist, weil es zu viele unerledigte und offene Gedanken-Rechnungen gibt, oder weil der Gedanke: DU bist da, um ES zu schaffen, angesichts der Fülle dessen, was dies bedeuten könnte, geradezu erzwingt, endlich aufzugeben.

Und nur weil die Lust und Schönheit mancher Augenblicke vergessen lässt, soll all dies ein Leben lang ganz und gar unwichtig sein?

Mein Wort für den heutigen Tag: „Lebens-Grund-Erfahrungen“.

Nachtgespräch der Freundinnen

Nacht: Findest du nicht, dass viel zu viel (und viel zu oft völlig grundlos) von dir und in deinem Namen gesprochen wird?

Wahrheit: Mag sein, aber wie es aussieht, genügt es nicht mehr, dass alles Mögliche einfach nur da ist; es muss auch wahr sein, damit es geglaubt werden kann. Und wenn dann erst mal so ein richtig fester Glaube entstanden ist, kommen immer mehr Wahrheiten hinzu…

Nacht: …und dann wird wahr gemacht, was später niemand mehr wahr haben will, nicht wahr? Aber nun sag endlich: Was an dir ist denn nun das Wahre, das ein jeder unbedingt glaubt, verkünden zu müssen?

Wahrheit: Alles, alles ist wahr bei mir, seit jeher, so wie alles frei ist bei der Freiheit oder schön bei der Schönheit…

Nacht: …schon gut! Aber du sagst ja selbst, dass es so viele Wahrheiten gibt, täglich neue?

Wahrheit: Ich sage nur, dass die Wahrheit wahr ist – nicht mehr und nicht weniger.

Nacht: Und woher weißt du das und wie bist du zu diesem Wissen gekommen?

Wahrheit: Ich weiß es allein durch mich selbst, allerdings nicht, auf welche Weise dies geschehen ist.

Nacht: Und das ist wirklich wahr?

Wahrheit: Aber ja – wie könnte ich lügen?

Nacht: Die Wahrheit kann nicht lügen?

Wahrheit: Wer weiß? Wenn alles möglich ist, dann ist es natürlich auch möglich, dass…

Nacht: …nicht alles möglich ist, ich weiß. Aber das ist jetzt alles bestimmt wieder nur eines deiner Sprachspiele, nicht wahr?

Wahrheit: Klar, was sonst?

Nacht: Jetzt mal im Ernst: Kannst du nun lügen oder nicht?

Wahrheit: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient?

„Jener gute alte Grieche (Lysander = 4. Jh. v. Chr.) sagte, die Kinder spielten mit Knöchelchen und die Männer mit Worten.“ 1)

„…dass ich nur als ein Fragender und Unwissender spreche…Ich lehre nicht, ich berichte.“ 2)

1) 2) Michel de Montaigne: „Essais“ Manesse Verlag, Zürich 1992 (8)

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