Vom Bleiben des Flüchtigen

Der Graffiti-Künstler LOOMIT erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit den Sprayern in Sao Pâulo: „Die haben fast nichts, außer Zeit, und die muss genutzt werden. Und nur das machen sie.“
Der Graffiti-Künstler als Sisyphus der Moderne; und auch ihn kann man sich durchaus „als einen glücklichen Menschen vorstellen“, wie Albert Camus einst den historischen Sisyphus charakterisierte.

„…wir haben die Kunst, um nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen.“ (Friedrich Nietzsche)

Nie bist du der, der von sich sagen könnte, wer er ist, noch wer er war und sein wird, ohne dich dabei in unauflösbaren Widersprüchen zu verlieren und (nicht) wiederzufinden. Fordere das Eigene; darin sei unerbittlich, um dir den Augenblick und so das Leben selbst zu schenken.

Flüchtige

Wir verlieren uns zwischen Himmel und Erde

und hoffen: gefunden zu werden.

Wir reisen durch die Weltgeschichte

und wissen nicht: wozu wir da sind.

 

Wir finden den Weg schon allein

und bleiben für uns, irgendwie.

Wir kennen uns aus, überall

und erkennen uns nicht, vielleicht nie.

Tag und Nacht

Allmorgendliches Grauen, alltägliche Behauptung, allnächtliche Versöhnungs-Versuche…
im ruhigen Atmen größtmöglicher Stille, um das Unbegreifliche, doch seit jeher Ersehnte des ganz und gar Anderen vielleicht hören zu können, wenn es schon kaum mehr vorstellbar zu sein scheint und all die Bilder – mal unglaubwürdig, mal zweifelhaft – längst nichts mehr beitragen können zu dem, was Erkenntnis davon sein sollte und irgendwann einmal sein wollte?
Nein, das zählt nicht; ich zähle nicht. Mich rechnet nicht dazu. Mit mir ist nicht zu rechnen. Ich bin unzurechnungsfähig. Und nur davon wäre zu erzählen, wenn zu später Stunde abgerechnet werden müsste.
Das Bild einer schweigenden Ebene. Jemand nähert sich von ganz weit hinten. Und von Weitem ist schön zu sehen, wie er geht, nein: schreitet.
Um zu sich zu kommen, ist es nötig, auch von sich ausgehen zu können. Alles Gelingen zeigt: was noch zu tun bleibt, also fast alles. Vielleicht muss oft auch nur gestorben werden, weil der Kopf zu voll geworden ist, weil es zu viele unerledigte und offene Gedanken-Rechnungen gibt, oder weil der Gedanke: DU bist da, um ES zu schaffen, angesichts der Fülle dessen, was dies bedeuten könnte, geradezu erzwingt, endlich aufzugeben.

Und nur weil die Lust und Schönheit mancher Augenblicke vergessen lässt, soll all dies ein Leben lang ganz und gar unwichtig sein?

Mein Wort für den heutigen Tag: „Lebens-Grund-Erfahrungen“.

JE SUIS…

Je suis Charlie – d’accord!
Aber aus dem Munde einiger bundesrepublikanischer Amtsinhaber, die erst 2014 dazu aufriefen, dass Deutschland sich auch militärisch international stärker bemerkbar machen müsse, klingt diese wohlfeile Parole doch ein wenig verlogen. Seit vielen Jahrzehnten hat keine einzige Regierungskoalition Deutschlands ernsthaft versucht, etwas daran zu ändern, dass die deutsche Rüstungsindustrie zum drittgrößten Waffen-Exporteur der Welt werden konnte.
Als im September 2009 der Bundeswehr-Oberst, Georg Klein, in der afghanischen Provinz Kundus eine 500-Pfund Bombe auf einen Tanklastzug abwerfen ließ, starben mehrere Dutzend Zivilisten. Die damalige EU-Außen-Kommissarin, Benita Ferrero-Waldner, sprach von einer „großen Tragödie“. So viel zu Sprachregelungen. Und wie selbstverständlich sind wir inzwischen daran gewöhnt worden, „unschuldige“ Opfer zu beklagen, ohne zu fragen, wer jeweils (und auf welcher Grundlage) über schuldig oder unschuldig befindet? Genügt es nicht, einfach „nur“ Opfer zu beweinen? Ob in Paris, Afghanistan, Palästina, Syrien, Nigeria, in der Ukraine… überall und tagtäglich?
JE SUIS LÀ, POUR PENSER.

Silvester-Nacht-Stille (2014 / 2015)

"Nur wir Verletzten hören die Schönheit und sehen die Weite…und wir behaupten uns immer wieder als Rätsel…"1 

                               "…überzählig in den goldenen Städten

                               und im grünenden Land…" 

 …ausharrend und den Gedanken, sie beschreibend, wie sie kommen und gehen, sich anvertrauend, um das Glück und Leid allen Erkennens schmecken zu lernen?  Es sind die Splitter der je eigenen Welt, aufgezeichnet, in gewisser Weise, auch für die Welt da draußen. Doch dies – es kann nicht anders sein – bedeutet immer Einsamkeit.

1 Peter Handke: "Über die Dörfer"

2 Ingeborg Bachmann: "Exil" (Gedicht)

 

Des Windes Stille

auf weitem Feld –

dies ist kein Ort, kein Land mehr

für Worte, die bleiben.

Es fliehen in Windes Eile

die letzten davon.

Nachtgespräch der Freundinnen

Nacht: Findest du nicht, dass viel zu viel (und viel zu oft völlig grundlos) von dir und in deinem Namen gesprochen wird?

Wahrheit: Mag sein, aber wie es aussieht, genügt es nicht mehr, dass alles Mögliche einfach nur da ist; es muss auch wahr sein, damit es geglaubt werden kann. Und wenn dann erst mal so ein richtig fester Glaube entstanden ist, kommen immer mehr Wahrheiten hinzu…

Nacht: …und dann wird wahr gemacht, was später niemand mehr wahr haben will, nicht wahr? Aber nun sag endlich: Was an dir ist denn nun das Wahre, das ein jeder unbedingt glaubt, verkünden zu müssen?

Wahrheit: Alles, alles ist wahr bei mir, seit jeher, so wie alles frei ist bei der Freiheit oder schön bei der Schönheit…

Nacht: …schon gut! Aber du sagst ja selbst, dass es so viele Wahrheiten gibt, täglich neue?

Wahrheit: Ich sage nur, dass die Wahrheit wahr ist – nicht mehr und nicht weniger.

Nacht: Und woher weißt du das und wie bist du zu diesem Wissen gekommen?

Wahrheit: Ich weiß es allein durch mich selbst, allerdings nicht, auf welche Weise dies geschehen ist.

Nacht: Und das ist wirklich wahr?

Wahrheit: Aber ja – wie könnte ich lügen?

Nacht: Die Wahrheit kann nicht lügen?

Wahrheit: Wer weiß? Wenn alles möglich ist, dann ist es natürlich auch möglich, dass…

Nacht: …nicht alles möglich ist, ich weiß. Aber das ist jetzt alles bestimmt wieder nur eines deiner Sprachspiele, nicht wahr?

Wahrheit: Klar, was sonst?

Nacht: Jetzt mal im Ernst: Kannst du nun lügen oder nicht?

Wahrheit: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient?

„Jener gute alte Grieche (Lysander = 4. Jh. v. Chr.) sagte, die Kinder spielten mit Knöchelchen und die Männer mit Worten.“ 1)

„…dass ich nur als ein Fragender und Unwissender spreche…Ich lehre nicht, ich berichte.“ 2)

1) 2) Michel de Montaigne: „Essais“ Manesse Verlag, Zürich 1992 (8)

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