Gedanken-Guerilla

Selbst wenn ich es mir wünschen würde, zu sagen oder aufzuschreiben, was ich jetzt gerade (oder gerade jetzt?) denke und selbst wenn ich dies noch so wahrheitsgemäß wie nur möglich zum Ausdruck bringen wollte, geschieht innerhalb des Wort- und Satzbildungsprozesses sowie an seiner Reflexions-Schwelle, die zunächst einmal zu überwinden ist, damit das Gedachte überhaupt Teil der Außen-Welt werden kann, eine meist nicht mehr rückbeziehbare oder rückgängig zu machende, Veränderung des Gedachten – sehr selten durchschaut und außerdem verbunden mit mehr oder weniger bewusster Selbst-Zensur, sodass der Satz: „Ich sage, was ich denke…“ logisch so gut wie unmöglich und eigentlich eine in sich widersprüchliche Äußerung darstellt.

Und wenn ich irgendwann einmal jemanden fragen möchte, was er gerade denke, so erinnere ich mich vielleicht daran, dass ich eigentlich darauf keine „wahrheitsgemäße“ bzw. angemessene Antwort zu erwarten habe und überlege mir, lieber gleich eine andere Frage zu stellen oder wenigstens eine veränderte Fragehaltung einzunehmen? Wie oft, pro Tag oder Stunde, mögen Menschen einander diese Frage stellen? Und wie oft wird die jeweilige Antwort, so oder so, mindestens unbefriedigend sein, viel öfter jedoch unwahr? Die Suche nach der Wahrheit oder den Wahrheiten endet mit der starken Vermutung, dass nur vom Finden des Unwahren und der Unwahrheiten berichtet werden könne.

Dennoch tragen solche und ähnliche Behauptungen, gerade wegen ihrer versteckten (also zu entdeckenden) Unwahrheiten dazu bei, meine Aufmerksamkeit für das zu schärfen, wofür die Sprache mehr und mehr herzuhalten gezwungen wird. Sie führen also, abgesehen von ihren jeweiligen (manipulativen) Absichten, als lebendiger Teil des Sprachgefüges, eine Art Eigenleben und bekommen nicht selten ganz allein Licht von anderer Seite. So gesehen kann unter Zuhilfenahme der Sprache zwar jede Menge Unsinn aber nur selten tatsächliche Sinnlosigkeit erzeugt werden.

Mit anderen, widersprüchlich interpretierbaren Formulierungen – wie: schwarze Null oder Zukunftsfähigkeit oder aktuell, weil wieder (und eigentlich so gut wie immer) Wahlkampf ist: Obergrenze und doppelte Haltelinie – kurz: der „atmenden Deckel“ der Populisten; mit diesem Verblödungs-Geschwätz hat sich längst ein totlässiger Jargon des Ungenauen, Beliebigen und Gleich-Gültigen nahezu unmerklich in die Sprache eingeschlichen – oder gar sich ihrer bemächtigt? 

Vorwiegend so, als sprachliche Verwirr-Spielchen entstehen heutzutage die großen Lügen sowie die noch größeren Unwahrheiten: in Form von alles und nichts sagenden Begrifflichkeiten der herrschenden Gedankenmüll-Produzenten. 

Nebensachen:

                Die „Trommeln in der Nacht“ – das sind in diesem August die feurigen Sommergewitter, und der Himmel ist nun mal nicht schuldig zu sprechen für das, was von dort kommt.

 

Nächte wollen nichts

Nichts, was nicht zunächst gelernt sein will oder gar werden muss; und dies gilt nicht zuletzt vom Wollen selbst (wieviel mehr noch im Gewand des freien Willens)? Gefragt wäre also ein Lernen, um wollen zu können, statt sich, ungeübt, oft weniger zuzutrauen, als die Gegebenheiten ermöglichen wollten. Der Kopf an der Wand sieht eben ähnlich ungekonnt aus wie das Stolpern beim zu schnellen Gehen, treppaufwärts, wie einst bei Edmund Stoiber.

Doch wäre der Wille der Menschen so frei, wie noch immer von all den heftig daran Interessierten behauptet wird, würde er wohl kaum, irgendwann einmal und immer wieder von Neuem, einen Gott, noch weniger einen Staat, bzw. sonstige, ihn bevormundende Autoritäten für sich gewollt haben und so manches andere vermutlich noch viel weniger.

Was würde es wohl für das Selbstverständnis und die Charakterisierung des, scheinbar nicht wegzudenkenden Menschlichen an sich, oder gar des Menschen an sich, bedeuten und wie würde sich die Beziehung zur Natur und zu dem, was sonst noch so alles als menschlich bezeichnet wird, verändern (müssen), falls nachprüfbar festgestellt werden könnte (und schließlich auch würde), dass es in der Geschichte all der unterschiedlichen Völker und Volksgruppen der Menschheit, vom Ende aus gesehen, doch so zugegangen sei, dass es durchaus als gerecht bezeichnet werden dürfte?

Aber von welchem Ende aus und wie und wann könnte dies in Betracht gezogen werden?

Nebensachen I:

Die Ferne selbst und das ersehnte Ferne locken nur, solange und sofern sie noch erreichbar zu sein scheinen. Dafür werben sie mit ihrer Aura, die ihnen irgendwann einmal zugeschrieben wurde…

Nebensachen II:

Obwohl so gut wie nie und jedenfalls nirgends auffindbar, existieren unzählige Chimären der Menschen so lange munter weiter, so lange sie ihnen nützlich erscheinen; und sei es nur, um etwas zu haben, wonach gesucht werden kann: Arbeit für die Jäger und Sammler, z.B. in Gestalt der Suche nach dem Sinn des Lebens, unerreichbarer Trost allem Sterblichen an und für sich. Denn so sehr sie sich auch immer bemühen und bemüht haben: Es blieb und bleibt davon kaum mehr als Fragwürdiges, allenfalls die dem Fragenden sich mal mehr, mal weniger aufdrängenden Frage-Möglichkeiten.

Warum vermag nur jene Sehnsucht, die um ihre Unerfüllbarkeit weiß, das Leben mit dem Glanz des Kostbaren zu beleuchten?

Wie viele haben schon lange und längst aufgehört zu denken und SIND, dessen ganz ungeachtet?

Grundlose Nächte

                Was auch geschieht: Ob ein Auto, „scheinbar grundlos“, von der Fahrbahn abkommt oder eine Fußballmannschaft, wegen eines „unglücklichen Eigentors“, ein Spiel verliert oder aus heiterem Himmel ein Schuss fällt; es müssen Gründe gesucht und gefunden werden, um das Geschehene zu (er)klären und, wie oft zu hören ist, aus (vermeintlichen, oft jedoch nur unterstellten) Fehlern zu lernen. Aber zeigt sich denn nicht immer wieder neu, dass selbst die Vermeidung jeglicher „Fehlerquellen“ nicht dazu imstande war und ist, unerwünschte Ereignisse zu verhindern oder auch nur aufzuhalten?
                Kann es also nicht sein, dass eine unbekannte Anzahl von Ereignissen, ganz im Stillen, einer Art parallelen Logik jenseits des Vordergründigen folgt, und daher all die vielen, ungeliebten Niederlagen von einem (sozusagen: hinter dem Rücken vorangehenden) allmählichen Lernprozess begleitet werden, um wenigstens, sowohl den Zweifel an der eigenen Unsterblichkeit zu akzeptieren, als auch Trost darin zu finden?
Und ermöglicht das Verlieren nicht, sozusagen ins Reine übersetzt, das Wiederaufstehen so lange zu genießen, wie es noch möglich erscheint und ist? Ja, und was wäre dann eigentlich dagegen einzuwenden, ein schlechter Verlierer zu sein, oder wenigstens sein zu wollen oder zu werden? Womöglich ginge es in der Welt sogar viel gerechter zu, wenn es ganz viele schlechte Verlierer gäbe?
Nebensachen I:
                Teilnehmender Beobachter kann ich nur sein und als ein solcher gelten wollen, wenn ich zuvor schon längst beobachtender Teilnehmer geworden bin.
Nebensachen II:
                Muss aufrichtiges Erzählen nicht damit beginnen, zu erklären, warum dies in Wahrheit nicht möglich ist? Muss die Beschreibung des gerade Gedachten nicht damit beginnen, zu beschreiben, dass und weshalb dies wahrheitsgemäß nicht möglich ist?

Fortschreitende Nächte

                Die Wissenschaft, so ist noch immer in glaubensähnlicher Naivität zu hören und, öfter noch, zu lesen, bringe den Fortschritt. Der Grad der Befreiung der Frau von der Unterdrückung durch den Mann zeige den Grad gesellschaftlichen Fortschritts im Laufe der menschlichen Geschichte… Zum Fortschritt erklärt wurde ferner die Eheerlaubnis für gleichgeschlechtliche Paare, desgleichen die staatliche Prämie für Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in die Kita schicken oder die Verbannung von Schweinefleischgerichten aus den Schul- und Kita-Küchen, aus Rücksicht auf Muslime.
                In der Medizin wurde die Anwendung von Opiaten oder von Penicillin als Fortschritt gefeiert. Und „glücklicherweise“ (!) mag längst nicht mehr auszuschließen zu sein, dass irgendwann die Freigabe von Marihuana genauso zum Fortschritt gerechnet werden darf wie eine „freiwillige“ lebenslange Arbeitszeit oder eine solche in Form der Tätigkeit für die Gesellschaft.?
                Allen Fortschritts-Verkündern und -Verkünderinnen gemeinsam jedoch ist es, nahe zu legen oder gar zu unterstellen, dass durch die propagierten Errungenschaften (nicht nur die Atombombe wurde als “Errungenschaft“ des Menschen bezeichnet) oder Tat-Sachen etwas besser geworden sei oder jedenfalls werden würde als zuvor; dies meist ohne jegliche Evidenz oder gar Versuchen, Begründungszusammenhänge herzustellen. Und da tagtäglich von überallher Fortschritte auf nahezu allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens gemeldet werden, erhält die Fortschrittsgläubigkeit tagtäglich, so unaufhörlich wie reichlich, frische Nahrung; sie wird immer dicker und fetter, bis…na ja, bis sie irgendjemandem zum Halse heraushängt.

Vielleicht wird es aber irgendwann doch noch fortschrittlich genannt werden, grundsätzlich zu bezweifeln, dass wer auch immer eine Legitimation habe oder gehabt hätte, zu behaupten oder gar zu entscheiden, dass auf der mehr und mehr verlängerbaren Reise – (was „natürlich“ „an und für sich“ ebenfalls als Fortschritt gilt) – nicht nur der Menschen, sondern jedes einzelnen Individuums, unaufhörlich vorangeschritten werden müsse, und diese ganze Angelegenheit  auf jeden Fall und „sehr gern“ immer angenehmer zu werden habe?

„…und die Wahrheit wird so lange Märtyrer machen, als die Philosophie noch ihr vornehmstes Geschäft daraus machen muss, Anstalten gegen den Irrtum zu treffen.“

(Friedrich Schiller: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen – Sechster Brief“)

Flüchtige Begegnung (Eine GuteNachtGeschichte)

…etwas verspätet waren dann plötzlich Schritte zu hören, die sich der als Treffpunkt verabredeten Straßen-Kreuzung rasch näherten. Kurz darauf erschien sie also, zunächst noch halb im Dunkeln und nur seitlich beleuchtet, auf die er seit ein paar Minuten, innerlich durchaus lächelnd, äußerlich allerdings ungeduldig und angespannt, gewartet hatte, das vereinbarte Erkennungszeichen, ein flüchtiges Winken mit der Tageszeitung, noch kurz andeutend.
                Auf dem gegenüberliegenden Gehsteig angekommen, verlangsamte sie für einen Augenblick das Tempo, um ein viel zu schnell vorbeifahrendes Auto passieren zu lassen, geriet dabei mit elegantem Anheben der Fersen in eine ballettähnliche Pose, nahm dann aber federnd und auf eigene widersprüchliche Art und Weise, elegant staksend den kürzesten Weg hinüber zum Wartenden.
                Während der eher verlegenen als freundlichen Begrüßung und auch danach, als sie ihr erster gemeinsamer Weg im nun stärker einsetzenden Regen schnell in eine nahe gelegene Nachtbar führte, bemerkten sie jeweils, wie sowohl die eigene Unsicherheit als auch die des Gegenübers einander ergänzten oder sogar verstärkten?
                In der Bar waren, wie immer kurz vor dem Auftritt der stadtbekannten Jazzband, alle Tische dicht und eng umringt. Den beiden späten Gästen blieb nichts anderes übrig, als an der hinteren Theke einen halbwegs dialogfähigen Zweier-Stehplatz zu suchen. Was von weitem wie eine Theke aussah, war jedoch, aus der Nähe betrachtet, keine Theke, um dort Platz zu nehmen, sondern diente lediglich als Bindeglied zwischen der Speise- und Getränkeausgabe und den, sich jeweils mit lautem Rufen Platz verschaffenden, Bedienungen.
                „Vielleicht zunächst etwas Wärmendes?“ fragte er, mit den Händen leicht ihren Ellenbogen streifend, dann aber von einer der Serviererinnen energisch zur Seite geschoben. „Einen Kaffee, oder ist es schon zu spät für so etwas Aufregendes?“ – „Nein, für mich lieber Tee, einen schwarzen Tee mit Zitrone, genau, das wäre jetzt gut.“ – „Sie waren schon mal hier, stimmt’s?“, und noch ehe sie antworten konnte: „Jedenfalls machen Sie den Eindruck.“ – „Möglich wie vieles, aber erinnern kann ich mich daran im Moment gerade nicht, nein, ich bin wirklich nicht sicher.“ –
                „Ich wette, es hört bestimmt bald auf…zu regnen, meine ich“, beeilte er sich, zu ergänzen, als sie mit ziemlich verständnislosem Gesicht, fast schreckhaft den Kopf hob, dann kurz zögerte und mit den Augen fragend: „Ach ja? Mir gefällt zum Beispiel das Gefühl, was sich mitunter einstellen kann, wenn es am Abend zu regnen beginnt. Das, …also so etwas beruhigt mich und gibt mir eine gewisse Sicherheit, sogar Verlässlichkeit.“ – „Und wie ist das dann morgens, wenn so ein Tag verregnet beginnt?“ – „Unterschiedlich; es kommt ganz darauf an, was ich später vorhabe.“ – „Das klingt ja alles ziemlich vernünftig und organisiert, wie Sie so leben. Sie sind wohl so ein richtig vernünftiger Typ?…“, und nach einer kurzen Atempause, aufmunternd lächelnd: „…ach, bestimmt sind Sie das, aber hoffentlich nicht für immer, oder doch?“ –
                Für die Antwort  – aber eigentlich, so dachte sie, konnte es ja keine Antwort sein, die ihr durch den Kopf ging, wenigstens keine Antwort auf eine solche Frage? War es denn überhaupt eine Frage? Glich die Behauptung (oder Festlegung?) nicht viel mehr einer jener Beurteilungen der „Am-Ende-des-Tages“- und „Ich-bin-der-festen-Überzeugung“-Plauderer, wie sie sie ständig, ob gefragt oder nicht, meist unerbeten oder wenigstens unerwünscht, tagein, tagaus in ihrem Büro oder abends auf irgendwelchen dienstlichen Empfängen zu hören bekommt „Du bist… Sie sind…es ist…“.
                Für eine solche, eher einer leisen Verwunderung ähnelnden Antwort benötigte sie all die Zeit, die es dauerte, bis sie die zwei Zuckerstückchen aus dem Papier gewickelt hatte, um diese dann, vom inneren Glasrand aus, in das Teeglas hinein- und hinabgleiten zu lassen. Und, als Zugabe sozusagen,  verlängerte sie dieses schweigende Schauen noch um ein paar Sekunden, in denen ihr schon seit jeher geradezu filmisches Gedächtnis plötzlich, ganz von allein und scheinbar unabhängig von ihrem Willen, ein paar Wochen zurückspulte, während sie gleichzeitig die Bewegungen der beiden sich auflösenden Zuckerstückchen verfolgte, als diese langsam in den, aus dem Teebeutel hervorquellenden dunklen Wasserschwaden verschwammen.
                Im Nu stoppte der Rücklauf an jenem Abend, an dem sie – eher zufällig als gezielt, jedenfalls hatte sie dies zuvor nur sehr selten getan – die Bekanntschafts-Annoncen in der Wochenend-Ausgabe der großen Tageszeitung ihrer Stadt überflog.
                „Mann mit Eigenschaften möchte einer Frau mit ebensolchen begegnen.“ stand da, etwas lapidar, wie sie zunächst empfand, aber dafür immerhin fettgedruckt. Als ehemalige Literaturstudentin war ihr Robert Musils fragmentarischer Roman, eben „Der Mann ohne Eigenschaften“, natürlich bekannt. „Warum nicht mal etwas riskieren?“ dachte sie, sogar etwas angriffslustig. „Beim Spielen im Casino hast du doch auch keine Hemmungen, im Gegenteil.“ Wer mit einer solchen Assoziation für sich zu interessieren versuchte, den wollte sie doch wenigstens einmal treffen.
                Also schrieb sie ihm ein paar Zeilen, er antwortete prompt, sie telefonierten. Sie lernte schnell, wie „so etwas“ geht. Und je näher der Tag des nach ein paar flüchtigen Gesprächen verabredeten ersten Treffens rückte, desto überzeugter war sie von der, wie sie fand, „symbolischen Sinnhaftigkeit ihres kleinen Geheimnisses, das sie sogar ihrer allerbesten Freundin vorenthielt.
                Kurz bevor sie mit dieser Rückblende, deren Dauer sie weder damals noch später in Einheiten von Sekunden oder Minuten sich bewusst machen konnte, fertig wurde, setzten unvermittelt Piano und Schlagzeug der Jazzband ein. Der Geräuschpegel, den die Gespräche an den Tischen bis dahin gebildet hatten, versank gleichzeitig mit und in den zunehmenden Rhythmen der Musiker. In diese, nun musikbegleitete, Stille hinein, klang ihr hauchend geflüsterter Satz noch befremdender als sie es beabsichtigt hatte, und einem zufällig Lauschenden würde es vermutlich nicht gelingen, aus der Betonung auf eine Antwort oder auf eine Frage zu schließen; am ehesten war er noch vergleichbar mit einem ausgesprochenen Gedanken , begleitet von einem etwas unheimlichen Gefühl. Oder war es , sozusagen:“am Ende dieser Nacht“, eine lächelnd vorgelesene Stelle aus einem Roman? „Ich bin vernünftig.“ – Nie wird sie dies wohl jemals zweifelsfrei klären können – wozu auch?
                „Und nichts erschien ihr in diesem Augenblick unwichtiger…,“ setzte sie plötzlich, zwar eigentlich nur für sich aber doch ganz leise vernehmbar, sinngemäß eine Stelle aus Kafkas „Amerika“-Roman umdeutend, gedanklich fort, in dem dies der Hauptfigur Karl Roßmann durch den Kopf ging, als ihm mitgeteilt wurde, dass er nun frei sei. Dabei musste sie ein weiteres Mal, ganz tief innen, lächeln.
                Als gegen Mitternacht die Frau und der Mann mit Eigenschaften die Bar verließen, war es mindestens jene „gefühlten 10 Grad kälter“, wie es schon morgens das „Wetter-Update“, wie solche Banalitäten neuerdings genannt werden, verkündet und der Regen sich längst in einen kräftigen Schneefall verwandelt hatte. Die Luft roch zum ersten Mal in diesem November winterlich. Sie rief nach einem Taxi, offensichtlich laut genug für diese Zeit; denn gleich darauf hielt ein schon leicht rutschender Wagen auf der Gegenfahrbahn. Im Davonfahren misslang ihr, ohnehin nur angedeutetes, Winken durch die von innen beschlagene Heckscheibe gründlich, und urplötzlich musste sie einfach nur noch richtig loslachen. Ein paar Ecken weiter wurde auch die Taxifahrerin, auf unerklärliche Weise, davon angesteckt, die dann allerdings nicht mehr nachfragen konnte, worüber sie beide denn eigentlich gerade so unverschämt und schallend lachten, weil ihr später, auf alle Fälle gutgelaunter Fahrgast nichts mehr erklären, sondern nur noch möglichst schnell ins Warme wollte.

                In ihr Notizbuch, das, jederzeit griffbereit, auf dem Nachttisch lag, und worin sie von Zeit zu Zeit ihre Nachtgedanken einträgt, um sie aufzuheben, schrieb sie, mit schnell gleitendem Bleistift und durch nur noch halbgeöffnete Augenlider blinzelnd mitlesend, beinahe schon in den Morgen hinein:

„Lass einfach zu

beim Anblick unverschämter, blauer Nacht,

wie kinderleicht Kristall

sich auf die schneebedeckten Dächer legen will

 

Lass es…

wenn dich die Leere anfällt

ganz zügellos, im späten Sternenlicht der Stadt,

lass es geschehn.“

 

 

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