Sprachspiele

Beim Spiel mit der Sprache ist stets damit zu rechnen, dass die Sprache, als vorläufiges Resultat aller bisherigen Sprecher und Schreiber, durchaus aktiv mitspielt. Sie fordert schiefe Vergleiche heraus, verleitet zu unangemessenen Übertreibungen, mehr oder weniger gelungenen Zweideutigkeiten, mitunter sogar zu armselig-albernen Wortspielen (von Komikern wie Willy Astor) oder sie lässt Lügen (nicht nur von „Personen des öffentlichen Lebens“) allein schon anhand der Formulierung als solche erahnen. Die Sprache überzeugt eben auch – und nicht zuletzt – in ihrer Rolle als raffinierter Spielverderber.
Was heute richtig ist oder dafür gehalten wird, kann schon morgen falsch sein oder dafür gehalten werden. Und wenngleich diese Plattitüde längst jedem klar sein sollte (oder wenigstens könnte), wird das von Politikern jeglicher Couleur aktuell für richtig Gehaltene gern als die („alternativlos“) einzig mögliche Wahrheit verkündet,  welche die Verkündenden dann, selbstredend (also: sich selbst zuredend…) und um jedweden Zweifel schon im Voraus für unzulässig zu erklären, zusätzlich noch als ihre „feste Überzeugung“ ausgeben. Dass eine „feste Überzeugung“ weder etwas über den Wahrheitsgehalt noch über die Richtigkeit einer Behauptung auszusagen vermag, gerät angesichts der geradezu inflationären „festen Überzeugungen“ im politischen Tagesgeschäft zunehmend aus dem Blickfeld.

Und so kommt es, wie es kommen muss: dass ständig irgendwelche Politiker – mit jedem Recht auf Wahrhaftigkeit – als Lügner oder (Wahl)-Betrüger bezeichnet werden dürfen.

„Wir müssen erkennen, wie die Sprache für sich selbst sorgt.“

(Ludwig Wittgenstein: Tagebücher 1914 – 16, Hervorh. i. Orig.)

Falschspieler

Im "Dokumentar"-Film (egal ob als Porträt, Bericht oder Reportage usw.) kommt, bis auf wenige Ausnahmen, die Realität vorwiegend als inszenierte zu Wort und Bild. Weder dokumentiert der Dokumentafilmer, noch filmt er (in der Regel). Inhalte, Protagonisten, Drehorte und Aufnahmestil (Einstellungen usw.) werden im Vorfeld (teilweise recherchiert von Co-Autoren, Praktikanten oder Aufnahmeleitern) bzw. unmittelbar vor Drehbeginn besprochen. Die Kamera zeigt dann, aus einer bestimmten Perspektive, was im jeweils gewählten Bildausschnitt sichtbar ist. Sie zeigt nie die Wirklichkeit, wie sie ist (oder zum Aufnahmezeitpunkt war) sondern eins von (unendlich?) vielen möglichen Abbildern. Auch die Realität des Bilder-Machens mit einer weiteren Kamera zu filmen, wie es inzwischen, v.a. bei FS-Interviews, Mode geworden ist, ändert daran nichts. Es entstehen immer nur Abbilder von Abbildern von Abbildern… usw.

Schnitt, Endbearbeitung und Vertonung komplettieren die, zwar objektiv notwendige, aber eben nicht als solche erkennbare Fälschung. Was also – mit falschem Etikett versehen – am Ende dem   (FS-)Publikum vorgeführt wird, ist die Vorspiegelung falscher Tatsachen im Wortsinn.

Was sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ereignet oder geschieht, was also der Fall ist, lässt sich objektiv nicht darstellen. Die Wirklichkeit als eindeutige (und objektiv vermittelbare) Abfolge von Tatsachen existiert nur als (intersubjektive) Idee oder Vorstellung; in Wirklichkeit existiert die Wirklichkeit objektiv genauso wenig wie die Welt oder gar die Wahrheit.

Je ungeklärter (weil abstrakt und folglich vieldeutig) solche und ähnliche Begriffe wie  Freiheit, Glück, Vernunft oder Nachhaltigkeit notwendigerweise sind, desto irrealer, unbegreiflicher und unfassbarer werden sie – sehr zur Freude der vielen Verfasser öffentlicher Reden. Und im Handumdrehen entsteht daraus jederzeit und überall der Stoff, mit dem all die Dampf-Plauderer und Sonntagsredner glauben, ihre sinnentleerten Texte garnieren zu müssen.


"Sei selbst dein Trost." Hölderlin: "Hyperion"     

Fälschungen

„Sehen Sie dazu einen Bericht von…“ (ver)spricht die Stimme der Fernseh-Moderatorin. Was dann folgt, ist immer häufiger ein unverdaulicher Bildersalat. Mit Hilfe des Schnittcomputers werden der Zug der Wolken, das Gehen und Laufen, sogar – mehr und mehr – ganze Handlungsabläufe beschleunigt. Der „Schnitt“ gehorcht dem einfältigen Marionettenspiel der Fernseh-Autoren und ihrer Gehilfen, die nicht mehr fähig sind (oder sein wollen), das eigene Marionetten-Dasein innerhalb eines Systems zu erkennen (geschweige denn: zu durchschauen), in dem alles immer schneller gehen muss, damit möglichst niemand mehr die Ruhe finden möge, nach dem Grund oder Sinn all der Veranstaltungen zu fragen, in denen die Realität als Video-Clip erscheinen soll – allenfalls beurteilbar mit: mag ich / mag ich nicht…

 

Je größer und diffuser das Pseudo-Wissen und die Halbwahrheiten tagtäglich werden, desto mehr „Hirschhausens“ und „Fröhlichs“ scheinen sich, protegiert durch TV-Sendungen, in denen sie gleich selbst für sich werben (dürfen), aufgefordert zu sehen, mit ihrem bürgerlichen Halbwissen, unter Verwendung eines dementsprechenden Halbgebildeten-Jargons (in dem alles Mögliche für „nicht wirklich, definitiv, unglaublich“ oder „spannend“… erklärt wird), ganze Bücher zu füllen. Die zeitgenössische Bestseller-Listen-„Literatur“ verdankt sich in weiten Teilen einem kybernetischen System der geschwätzigen Beliebigkeit, bezahlt von all den vielen (im sehr wahren Sinn) für dumm verkauften Lesern.

 

Müsste nicht (endlich einmal) davon erzählt werden, dass äußerst wenig von dem, was in der Realität (insbesondere jener der vielen selbsternannten „Autoren“) geschieht, erzählenswert ist?

Nacht-Sicht

Das Gewissen, insbesondere das gute, hat einen guten Ruf – zu Unrecht! Der politisch oder religiös motivierte Attentäter tötet genauso guten Gewissens wie diverse Staatsoberhäupter guten Gewissens töten lassen. Gewiss ist allenfalls die jederzeitige Dienstbarkeit dessen, was Gewissen genannt und atemzuggleich so getan wird, als ob jeder darunter das gleiche verstehen würde bzw. wollte.
Ohne allerletzte Gewissheit entscheide ich mich dafür, am liebsten guten Gewissens gewissenlos sein zu wollen.

 

Der „Spinner“ verdankt seine Bezeichnung einem Lebewesen, dessen Kunstfertigkeit allergrößte Bewunderung verdient. Klammer auf: Die von Friedrich Nietzsche so vehement und mit jedem Recht eines „allzu menschlichen“ Freigeists geforderte Umwertung der Werte und ihrer Ordnungen, auch und gerade in Gestalt der sie zum Ausdruck bringenden Worte, hat (nicht nur) nicht einmal begonnen; sie wird „nachhaltig“ und mit allergrößter Macht verhindert durch das Geschwätz von der Werte-Gesellschaft, vorgetragen von ihren heutigen Profiteuren aus Politik und Wirtschaft :Klammer zu.
So unbemerkt wie unwidersprochen wurde etwa aus dem Arbeiter der Arbeitnehmer, der – durchaus im Gegenteil – seine Arbeitskraft ja hergibt, während der Kapitalist (oder Fabrikbesitzer) zum Arbeitgeber umgelogen wurde, der – ebenfalls ganz im Gegenteil – die ihm angebotene Arbeitskraft zum jeweils ausgehandelten Marktpreis nimmt. Verkehrte Welt? Nein, verkehrte Werte!
„Worte muss man immer von neuem SICHTEN.“ Rahel Varnhagen (Hervorh. L. N.)

Nach(t)Fragen

Wenn wir die Struktur und die Kapazität unseres, mit Milliarden Neuronen vernetzt arbeitenden, Gehirns bewundern, bewundern wir es dann vielleicht auch deshalb, weil die in Millionen Jahren entwickelte Architektur und Komplexität – geradezu systemimmanent – wünscht und verhindert, seine Tätigkeit exakt und erschöpfend zu erforschen? Oder ist dies nur eine kleine, einsame Hoffnung eines dieser Milliarden Gehirne?

Was oft als Lösung bezeichnet wird, verdankt sich dem Zählbaren,  ist also Ergebnis. Jedes Ergebnis beruht auf einer Vereinbarung, deren fernste Wurzel oder Quelle das Zählen gewesen sein mag und wovon das daraus abgeleitete logische Denken bis heute er-zählt.       

Was es immer geben muss, sind also Einwände. Was einwandfrei ist (oder erscheint), kann nichts mehr beitragen zur Erkenntnis, jedenfalls vorläufig.

Kann das Leben nicht auch als Beweis dafür gelten, dass die Mehrzahl der Fragen, die es stellt, statt wahrheitsgemäß beantwortet zu werden, v.a. neue Fragen aufwirft, die…usw.?

Stell dir vor: Beliebig viele persönliche, politische und wirtschaftliche Geheimnisse der Vergangenheit und Gegenwart würden in einer Art fundamentalem „whistle-blowing“ öffentlich bekannt gemacht werden. Würde sich dann nicht zeigen, wie lächerlich (und verlogen) all die moralischen, religiösen und sonstwie „begründeten“ Maximen und Maßstäbe des menschlichen Zusammenlebens seit jeher waren und sind?
Meine Wahrnehmung: Nimm (und halte nicht unbedingt und fraglos) für wahr, was sich ereignet und geschieht.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung