Nachtnotiz 6

Die Traurigkeit gehört nicht nur zum Leben, sie kennzeichnet es wesentlich. Und sie nimmt vom ersten Augenblick teil an jeder Freude, jedem Glück und begleitet, freundlich lächelnd, das vergebliche Bemühen, festzuhalten, was zum Verweilen weder gedacht noch geeignet ist. „Zeit ist Frist“, bekannte Heiner Müller einmal „auf der Heimfahrt“ in einem traurigen Gedicht.

Aber / kein „aber“ – die Gedanken ergeifen mich, indem ich sie ergreife und begreife, dass wir unzertrennlich sind, solange es uns gibt, ganz so, wie gute Freunde, Gefährten, manchmal Liebende.

Regennacht

Es hat aufgehört zu regnen, und ich schließe das Fenster…

Es hatte zu regnen aufgehört. Ich schloss das Fenster und betrachtete die Unschärfen eines jener Bilder, wie sie beim Blick durch Fensterscheiben, an denen Wasser herunterrinnt, entstehen. Lange, sehr lange ist das nun schon her. Was bleibt? Die Deutung der Bilder, Zeichen und Symbole als Botschaften und die Entdeckung der Freiheit in den unberechenbaren Zwischenräumen.Folge“richtig“ also berechenbar mag dagegen sein, dass das Unrecht – in letzter Instanz – frei gesprochen wird..

Nachtnotiz 5

Es sind die längst vertrauten NachtGESTALTEN, die die Nacht GESTALTEN. Gleich einem – weithin sichtbar wie unantastbar – fernen Leuchten, das nicht blendet, nichts ankündigt oder gar verkünden will, sondern nur Ausschau zu halten scheint, nach den Seinen.

Von seinem Glück sprechen… Das bedeutet auch, vom individuellen Bewusstsein als dem notwendig unglücklichen zu wissen.

Nachtnotiz 4

Beachte, wenn du glaubst, schreiben zu wollen, das Geräusch des Bleistifts auf dem Papier oder das des herbstfarbenen Blattes, wenn es, vom Baum fallend, in deiner Nähe den Boden berührt, und auch, dass eins mit dem anderen zu tun hat.

Und werden nicht Tag für Tag überall irgendwelche Spuren beseitigt, die verräterisch sind oder sein könnten, obwohl weder ein Mord begangen wurde, noch überhaupt ein Verbechen geschehen ist? Vetuschtes Leben?

Nachtnotiz 3

Nicht im Wein, im Weinen liegt die Wahrheit.

Das Maß der Dinge – beinahe jedes hat es als sich veränderndes. Was wir erkennen, kann allein schon deshalb nicht beständig sein und uns also auch nicht sagen, was und wie es beschaffen ist.

Zuerst vergessen wir, um überhaupt weiter und weiter leben zu können; am Ende vergessen wir, damit das Sterben leichter fällt.

Die Sehnsucht ist immer im Recht, mehr noch: sie ist das Recht und auch die Richterin.

So verbringe ich schweigend viele Stunden mit dir, dem Anderen, der Anderen, dem ganz Anderen in mir. Du sagst, das seien nur Worte, konstruierte Gedanken, unerlaubte Abstraktionen? Nein, es handelt sich ganz einfach darum, was überhaupt geschieht: die einzig wahren und wahrhaftigen Begebenheiten ereignen sich  im Kopf, und sobald sie ihn verlassen, fehlt ihnen immer (und not-wendig!) das, was die ganze Wahrheit wäre.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung