Der Erzähler

Der Erzähler zählt nicht seine Worte, seine Sätze oder die Seiten; für ihn zählen die Stunden und Tage, die das Erzählen beförderten.

Der Erzähler zählt erst wirklich, wenn die Zahl seiner Leser/innen kaum mehr zu zählen ist.

„Erzähl‘ mir nichts“ – das heißt so viel, wie: „Mach‘ mir nichts vor, das stimmt ja doch nicht, was du erzählen willst.“

Was immer stimmt, das sind die Zahlen. „Die Zahlen sprechen eine andere Sprache“, hören wir täglich. Oder, wer nicht (bis drei) zählen könne, tauge nichts, sei dumm. Die Zahlen selbst werden zur Wahrheit erklärt.

Der Erzähler erzählt von unzählbaren Dingen, kommt dabei sogar vom „Hundertsten ins Tausendste“. Hat es sich ausgezahlt, zählt er oft mehr, als er noch zu erzählen hat – oftmals. Denn fortan spielt sich sein Leben in Talkshows aller Couleur ab, in denen die „Erzählung“ zum billigen Zwei Sätze-„Narrativ“ verunstaltet und als Hure für alles und nichts benutzt wird.

Wer nichts als die Millionste Selbstbespiegelung zu erzählen weiß, kommt als Erzähler oder Romanautorin nicht in Betracht.

Autor: Lutz Neumann

Siehe auf der Website "Der Lauf der Zeit" sind öffentlich sichtbar

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung