Nachtlied
Schau, wie sich Tage wieder grün verneigen
und dich des Abends dunkles Rot berührt.
Hör, wie im Sonnengelb die Sommer schweigen
und spät ein Kind dich in die Nacht entführt.
Schau, wie sich Tage wieder grün verneigen
und dich des Abends dunkles Rot berührt.
Hör, wie im Sonnengelb die Sommer schweigen
und spät ein Kind dich in die Nacht entführt.
"Das Gewicht der Welt" (Peter Handke): nach eigenen Maßen abwägbar und aufgezeichnet spürbar, Tag für Tag, als Lauf der Bilder, Worte und Geräusche, später in der abendlichen Lichtzeit, wenn im Haus die Stille wartet. Sie erzählt mir nur von sich; darin hat sie große Kraft. Wir verstehen einander und schweigen nach einiger Zeit. Etwas später verlasse ich sie, um irgendwann wieder zurückkehren zu können.
Warum lächelte, vorhin auf dem Gehweg, die Entgegenkommende mir zu? Oder habe ich möglicherweise, ohne es zu bemerken, zuerst gelächelt? Dann wäre ihr Lächeln nur die Antwort gewesen? Aber warum eigentlich "nur"? Und wie hätte diese Begegnung an irgendeinem anderen Tag, aus dem Blickwinkel von Beiden, ausgesehen?
Was wäre heute alles anders, wenn der und jene an einem "bestimmten" Tag, zu einer bestimmten Zeit nicht genau diesen Ort aufgesucht hätten? Und warum schleicht sich hier förmlich das Wörtchen "bestimmt" ein, wo es sich, von Fall zu Fall, doch nur um Zufall handeln kann? Welche Vorstellung lässt sich mit dem Satz von Anselm Kiefer verbinden, dass "die Dinge auf ihren Zusammenhang warten" würden? Wie wird etwas und einer ein anderer? Wie bin ich geworden, der ich bin? Wie zufällig ist das, was ich als meinen Weg kenne? Kenne ich ihn überhaupt?
Wann habe ich zuletzt meinen Händen dabei zugeschaut, wie sie etwas tun? Wer erreicht sie? Wen und was erreichen sie? Tun sie, was ich will? Wollen sie, was sie tun? Oder sind sie (schon wieder:) "nur" Werkzeuge, wie alle anderen Körperglieder und die Organe auch? Dann wäre der rege Neuronenverkehr im Gehirn zwischen den Zellen nichts anderes, als die lautlose Werkzeugsteuerungs-Anlage, also das Werkzeug zur Inbetriebnahme der Werkzeuge? Aber - so könnte ich mich, fragend, vielleicht beruhigen - haben die Hände nicht vor einiger Zeit mal "da oben" (wie in Ottos wundervollem Sketch) Bescheid gesagt, man möge sich freundlicherweise merken, wie sie das gerade gemacht hätten, damit sie nicht sinnlos Energie vergeuden müssten, um es immer wieder von Neuem zu erlernen? Und was wäre ich ohne meine Hände, beim Sichten der alltäglichen Handlungen da draußen, hier drinnen?
Gehen wir, wenn du magst, einen Weg zu suchen...
setzen wir uns ins Licht für den Augenschein.
Stehen wir hungrig auf, um vom Wind zu kosten...
Gehen wir, wie du magst, um uns nah zu sein.
Unworte des Jahres aus dem " entspannten, unaufgeregten" Jargon der (Ein)-Geweihten:
"...nicht wirklich / unglaublich / spannend...",
dicht gefolgt von:
"...lückenloser Aufklärung / an dieser Stelle / am Ende des Tages / bin ich der festen Überzeugung / definitiv / ein Stück weit / sensationell."
Nachtscherben – Bilder, die verbluten
vielleicht morgen wieder: hügelaufwärts gehen
weiterblättern bei den Bäumen
Himmel stürmisch – Winternähe
weiterschreiten, bleiern droht das Bleiben
Schrei der Krähe, unerhört
vielleicht morgen wieder: nach dem Rechten sehen?
Novembernachtstimmen
schlaflos im Schatten kalter Steine
verirrt durchwachte Totenreiche
nie so geträumt und atemlos -
der Trauer Tränen
längst zu Stein geworden...
Die Stille ist aktiv. Sie empfängt nicht nur; sie macht auch empfänglich. Und sie ist - nicht zuletzt - Voraussetzung, um darüber nachdenken zu können, was sie eigentlich sei.
Die Wort-Laute selbst, nicht nur die Wörter innerhalb ihrer Wortfelder, erzeugen Gefühle. Der Wortlaut, auch dieser hier, führt hingegen nur vor, wie das "Läutende" zum Schweigen gebracht wurde, um eine gewisse Ordnung herzustellen. "Immer wieder musst du ganz zurück." (Bettina Hirschberg)
Wird nicht, wer auf Rot gesetzt hat, hoffen, Rot möge auch kommen? Wird die Hoffnung nicht deutlich geringer ausfallen, wenn nur auf eine einzige Zahl gesetzt wurde? Ist die Hoffnung also nichts anderes als eine von vielen Wetten auf die Zukunft? Und gilt für sie nicht dasselbe, wie für alle Wetten: Je größer die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen eines Ereignisses, desto größer die Hoffnung, dass die Wette gewonnen werden möge?
Alle Regeln leiden regelmäßig unter allergrößter Verletzungsgefahr. Vielleicht kennt der Falschspieler die Regeln am besten, aber er braucht sie dennoch dringend, um überhaupt falsch spielen zu können. So lange wir leben, (gewinnen und) verlieren wir; so lange wir verlieren (und gewinnen), leben wir. Warum verlieren wir eigentlich so ungern?
Nicht in den Tag, in die Nacht hinein zu leben, könnte ein Ziel sein, um besser sehen zu können.
In der Nacht erschrak ein Kind, zum ersten Mal. Im Hof ergriffen kleine Hände dunkelrote Kirschen, und kein Garten breitete sich aus zwischen den Nachbarn. Ein Wolkenschauer lag seitlich auf der Mauer, folgte wieder und wieder dem hohen Abendflug der Schwalben und wusste von seiner Bedeutung. Spät wurde es oft, im Straßenversteck hinter Bäumen. - Aber du wolltest gefunden werden? - Ja, das war der Sinn all unserer Spiele. - Und die gütige, alte Frau, die noch heute in deinen Träumen weiterlebt? - Sie saß Tag und Nacht an ihrer Nähmaschine in der Küche. Es hieß: wer dort sitzt, hat immerhin zu tun. Manchmal schlief sie, über die Arbeit gebeugt, auch ein.