Nachtfragen

Warum kann es glücklich machen, etwas zu erkennen? Warum erschien es irgendwann einmal nötig, ein bestimmtes Gefühl als Glücksgefühl zu bezeichnen? Warum heißt es sogar: "außer sich sein"? Warum ist es kein Glück, unglücklich sein zu können? Warum ist Gewissheit wünschenswerter als das Ungewisse? Warum stellen sich (mir) solche Fragen? "Aber hören Sie ja nicht auf, unmenschlich zu fragen und alles genau zu besehen." (Rahel Varnhagen)

                                                                                             

Nachtstille

Die Stille ist aktiv. Sie empfängt und macht empfänglich. Und sie ist selbst Voraussetzung, um darüber nachdenken zu können, was sie eigentlich sei.

Die Wort-Laute, nicht nur die Wörter selbst, innerhalb ihrer Wortfelder, erzeugen Gefühle. Der Wortlaut hingegen führt nur vor, wie die Laute zum Schweigen gebracht wurden, um eine gewisse Ordnung herzustellen.  

Nachtspiel II

Wird nicht, wer auf Rot gesetzt hat, hoffen, Rot möge auch kommen? Wird die Hoffnung nicht deutlich geringer ausfallen, wenn nur auf eine einzige Zahl gesetzt wurde? Ist die Hoffnung also nichts anderes als eine von vielen Wetten auf die Zukunft? Und gilt für sie nicht dasselbe, wie für alle Wetten: Je größer die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen eines Ereignisses, desto größer die Hoffnung, dass die Wette gewonnen werden möge?

Alle Regeln leiden regelmäßig unter allergrößter Verletzungsgefahr. Vielleicht kennt der Falschspieler die Regeln am besten, aber er braucht sie dennoch dringend, um überhaupt falsch spielen zu können. So lange wir leben, (gewinnen und) verlieren wir; so lange wir verlieren (und gewinnen), leben wir. Warum verlieren wir eigentlich so ungern?

Nicht in den Tag, in die Nacht hinein zu leben, könnte ein Ziel sein, um besser sehen zu können.      

Nachtangst

In der Nacht erschrak ein Kind, zum ersten Mal. Im Hof ergriffen kleine Hände dunkelrote Kirschen, und kein Garten breitete sich aus zwischen den Nachbarn. Ein Wolkenschauer lag seitlich auf der Mauer, folgte wieder und wieder dem hohen Abendflug der Schwalben und wusste von seiner Bedeutung. Spät wurde es im Straßenversteck hinter Bäumen. - Aber du wolltest gefunden werden? - Ja, das war der Sinn all unserer Spiele. - Und die alte Frau? - Sie saß an der Nähmaschine. Es hieß: wer dort sitzt, hat immerhin zu tun. Manchmal schlief sie, über die Arbeit gebeugt, auch ein.    

Vom Fall der Gefallenen

Mit "großer Betroffenheit und tiefem Mitgefühl für die Angehörigen" gefallen sich jene, die vom Krieg nichts wissen wollten, nun darin, die Gefallenen zu betrauern, die von ihnen dorthin geschickt wurden und werden, wo der Krieg tagtäglich der Fall ist. Ach, könnten die Gefallenen doch aufstehen und berichten, dass sie tatsächlich getötet wurden und nicht so einfach mal fielen. Aber, das ist natürlich nicht möglich, und so bleibt es bei der Lüge vom Verteidigungsfall für die Freiheit, für die es sich schon noch lohnen würde, zu fallen.  

 

Wirklichkeiten

"Nein, nicht wirklich", sagte vorhin der Landrover-Fahrer beim Aussteigen in sein Handy und rückte sich den dunkelroten Seidenschal zurecht, den er - wie viele jener postmodern Uniformierten - als Lasso eng um den Hals geschlungen, trug.

Damit Einige deutlich über ihren Möglichkeiten leben können, wird alles Mögliche getan, um Viele unter ihren Möglichkeiten leben zu lassen. Es ist aber noch immer möglich, dass die Vielen dies wirklich ändern werden.  

Die Gegenwart - so wird vermutet - dauere nur drei Sekunden. Sie ist also jetzt vorbei. 

Ich bin nicht der "festen Überzeugung", dass all jene, die sich tagtäglich rühmen, einer "festen Überzeugung" zu sein, bereits lügen, bevor sie verlautbaren, um welche Überzeugung es sich diesmal handelt. Ich denke aber, dass die überzeugten - in der Regel - die gefährlicheren Täter sind. 

Nur die Sehnsucht, die gelernt hat, ihre Unerfüllbarkeit zu ahnen, erfüllt das Leben mit dem Glanz des Kostbaren. Ein Leben kann nicht gelingen, aber es kann gelingen, zu leben - nicht fraglos, sondern fragend, also fragwürdig.   

alt

Herbsthimmel, spät und sonnenlos

alltäglich werden Nächte dunklen Denkens

in alten Räumen unsichtbar: der Ängste Schattenspiel -

kein Wort zerstört verstummtes Warten.

Nachtspiel

Die Unbeweisbarkeit dessen, was für besser oder schlechter gehalten wird, ist unabweisbar. Und es genügt bereits, nur ein wenig von außen an den Wänden und Kanten all der kleinen und großen Wertegebäude zu kratzen, um zu entdecken, wie schnell sie - bei Bedarf - wieder abgerissen werden können, abendländisch, morgenländisch...

Man könnte zu dem Schluss kommen, dass bereits alles gesagt sei. Gesagt ist damit jedoch nicht, dass fortan geschwiegen werden müsse.

Selbst das Spiel mit den Worten kennt Verlierer und Gewinner (und unterscheidet danach), wie alles Spielerische. Auch wer mit dem Bleistift spielt, möchte, dass es ihm gelingen möge. Es kommt nicht auf den Einsatz an, sondern darauf, die immer drohende Niederlage abzuwenden; denn je drohender sie ist oder vorgestellt wird, desto triumphaler wird der Sieg sein.   

Nachtnotiz 9

Allnächtliche Nachrufe, Nachworte, Nachtworte -  ins Dunkle gedacht,, unausgesprochen, fast unausweichlich; und auch diese Freiheit führt direkt in  Friedrich Nietzsches "Einsamkeit der Wälder". Empfänger: meist unbekannt, nicht zu ermitteln. Und dennoch: tägliches Sollen als Sein gegen das Haben; es sei denn als Angst, Tag für Tag überwindbar, nie endgültig. Aber das ist nicht zu beklagen.

Zwischen zwei Waldwegen, die ungefähr parallel zueinander verliefen, der eine etwas oberhalb des anderen, versuchte er, mehr auf und ab steigend als gehend, die einmal gewählte Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. Manchmal wechselte er, absichtslos und ohne jeglichen Impuls dazu, das Tempo. Wenig später war ihm dieses auf und ab steigende Gehen als eine gültige Auskunft über die Freiheit erschienen.   

Nachtnotiz 8

Bei Begriff und Behandlung des Stotterns als Sprachfehler oder Sprechstörung wird übersehen, dass der Stotterer nur gründlich hörbar den immer nötigen Zweifel und das nie versiegende Misstrauen auf den Punkt bringt, wovon der ganz "normale" Redefluss sonst nichts zu wissen scheint und darin seine Ordnung findet. Die Angst des Stotterers, nicht sagen zu können, was der Gedanke meint, die Angst, unerhört zu bleiben, die das Sagen ins Versagen schickt, indem sie ihm den Atem nimmt; die Angst gehetzter Worte, die Verfolger vor sich und im Nacken spürend - davon befreit nur Nähe, ohne die Verständigung nicht möglich ist.

In der Nacht wird mit der Finsternis gehandelt, und die Angebote sind nicht schlechter oder minderwertiger als die des Tages. Die Farben der Nacht - sie glänzen zwar matt, aber sie glänzen.

Die Einsamkeit hat zu Unrecht einen schlechten Ruf; sie bleibt dem, was es heißt, zu leben, näher befreundet als alle Geselligkeit.

Worum es geht? Um das, was heute (auch: hier und jetzt) geschieht; was also der Fall ist, soll(te) beschrieben werden, und im Zuge der Beschreibung entsteht vielleicht ein ungeschnittener Film, der dennoch zu erzählen vermag, wie es geworden ist und (noch) weiter werden wird.

Es ist die Stille aller Nächte,

die irgendwann,

in einer Nacht vereint,

den Augenblick verewigt.      

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