Frei
Die Gedanken sind immerhin frei genug, um für möglich halten zu können, dass dies Frei-Sein auch eine Illusion, ganz anders oder schlicht falsch sein kann.
Erkenne Deinen Sinn und Deine Aufgabe; bezweifle ihn und sie, bleibe ein Unsicherer!
Novembernacht
Letztes Gehen
der Absätze Takt und Ton
Nachtballett durch Regenschleier
aufbewahrt für verspätete Klagen
erfrorener Astern
auf unnahbarem Spiegelgesicht.
Die Nähe der Worte
einander belauschend
zum Schweigen gebracht
vom Gleichmaß des Regens
einer Novembernacht.
Das Eigentliche
Das Eigentliche ist, was mir oder den Dingen eigen ist. Jede Objektivierung wird von der Überheblichkeit begleitet, das Eigene könne darüber hinaus wesentlich sein.
Wesentlich zur Wahrheit beitragen könnte allenfalls die Anerkennung der Beschränktheit des jeweils Eigenen. Danach auch zu leben – das wäre es, eigentlich.
Leute machen Kleider; die Wahrheit geht in Lumpen.
Der Erzähler
Der Erzähler zählt nicht seine Worte, seine Sätze oder die Seiten; für ihn zählen die Stunden und Tage, die das Erzählen beförderten.
Der Erzähler zählt erst wirklich, wenn die Zahl seiner Leser/innen kaum mehr zu zählen ist.
„Erzähl‘ mir nichts“ – das heißt so viel, wie: „Mach‘ mir nichts vor, das stimmt ja doch nicht, was du erzählen willst.“
Was immer stimmt, das sind die Zahlen. „Die Zahlen sprechen eine andere Sprache“, hören wir täglich. Oder, wer nicht „bis drei“ zählen könne, tauge nichts, sei dumm. Die Zahlen selbst werden zur Wahrheit erklärt.
Der Erzähler erzählt von unzähligen Dingen, kommt dabei sogar vom „Hundertsten ins Tausendste“. Hat es sich ausgezahlt, zählt er oft mehr, als er noch zu erzählen hat. Denn fortan spielt sich sein Leben in Talkshows aller Couleur ab, in denen die „Erzählung“ zum billigen Zwei Sätze-„Narrativ“ verunstaltet und als Hure für alles und nichts benutzt wird.
Wer nichts als die Millionste Selbstbespiegelung zu erzählen weiß, kommt als Erzähler oder Romanautorin nicht in Betracht.