Nächtliche Voraus-Setzungen

                Die Sehnsucht nach den Ursprüngen, also dem letztendlichen "Warum und Wieso" scheint sich nur wenig mit dem unabweisbar entgegengesetzten Lauf der Dinge in der Zeit des Lebens zu vertragen; dieser verschafft vielmehr, von Nacht zu Nacht zunehmende Gewissheit darüber, dass sich solche Sehnsucht nicht nur nie erfüllen werde, sondern dass sich überhaupt kaum triftig begründen lässt, weshalb sie eigentlich da ist oder sein sollte?
"Es gibt keinen Grund, warum etwas da ist." (Jean-Paul Sartre)
                                                          "Das Schicksal ist keine Strafe." (Albert Camus)

                An jedem beliebigen Tag ereignet sich Unvorstellbares! In der Außen- wie in der Innenwelt – hier, dort und überall. All meine Vorstellungen leben und agieren in einem dreidimensionalen Raum. Das Existierende erfahre ich dreidimensional, auch die Sprache, ob gesprochen, gehört oder gelesen.               

               Was ich setze, ist gültig, für mich. Das setze ich voraus. Gesetzt also: Der Grund des Existierenden ist unergründlich. So ist das, was da ist, unergründlich. Damit ist weder etwas über die Ursprünge noch über den Sinn oder Unsinn allen Seins ausgesagt. Eine mögliche Aussage hierzu wäre es, dass Grund- und Sinnlosigkeit verschiedenen Raum-Zeit-Zuständen angehörten.

Nebensachen I:
                Die so genannte "digitale Revolution" dringt, entgegen all der so vollmundig wie oberflächlichen Beschwörungen halbgebildeter Politiker, weder in Vierpunktnull-Dimensionen vor, noch bedient sich künstliche "Intelligenz" freiwillig eines - wie auch immer definierten – Verstandes.  Fortschrittsgläubige Lobpreisungen dieser Art bewegen sich durchaus im analogen Rahmen dessen, was der Slogan "The Medium ist he Message" (Marshall McLuhan) aus dem 20. Jahrhundert meinte.
Nebensachen II:           
                Schön wäre es, gegen Ende sagen zu können, mehr überschaut als übersehen zu haben, angesichts all der täglich zunehmenden kleinen und großen Unübersichtlichkeiten des Großen und (überhaupt nicht) Ganzen.
Nebensachen III:
                …und wer von gottverlassenen Gegenden spricht, setzt voraus, dass es einmal von Gott bewohnte, oder wenigstens "beseelte" Gegenden gewesen sein mochten. Dies ist aber eine noch verwegenere Annahme als die von der Existenz eines Gottes generell.

Kurzer Nacht-Einsatz

                "Einsatz" ist kein Satz; dennoch kann ein Satz ein Einsatz sein. Der Einsatz folgt anderen Gesetzen als der Satz. Die Ersetzung des Satzes durch einen anderen kann gleichzeitig richtig und falsch, nur richtig oder nur falsch sein. Was aber ist richtig, was wird als falsch bezeichnet - und was bedeutet eigentlich (in diesem Zusammenhang) "nur"? Wenn etwas oft genug behauptet wird, bekommt es nicht selten Wahrheits-Wahrscheinlichkeit, egal wie es sich tatsächlich verhalten mag.
                Wie verhält es sich aber dann, in diesem Zusammenhang, mit der Beschaffenheit dieser Aussagen? Was sagen die Sätze über sich selbst?
                Die Welt ist eine Ansammlung (un)zertrennlicher Paare, Duelle, Duette und Sätze – die Gegen-Sätze belächeln oder belauern einander, je nachdem, auch wenn sie völlig unbewiesen oder unbeweisbar "existieren", wie z. B. das Böse oder das Gute. Was in diesen surrealen Gegenden existiert, das sind mehr oder weniger phantasievolle Vorstellungen, fehlgeleitet von dem Wunsch, etwas müsse existieren, damit wieder Klarheit herrschen möge. Und der Satz, dass "etwas seine Ordnung" haben müsse, stimmt erst, wenn seine beiden Bedeutungen gleichzeitig aufleuchten.          
                "Damit ein Satz wahr sein kann, muss er auch falsch sein können." (Ludwig Wittgenstein)
Nebensachen:
                Wer munter in den Tag hinein lebt, der sieht und hört auch in ihn hinein und gelangt, fast zwangsläufig, zu einem Punkt, von dem aus er mühelos über ihn hinausgehen kann.

Unabweisbare Nacht-Gespenster

                Berücksichtige ich alles, was ich weiß (oder: wovon ich etwas weiß), so geschieht das meiste (in) meiner INNEN-Welt sowie das meiste (in) der mich umgebenden AUSSEN-Welt ohne mein Zutun und auch, ohne dass es mir überhaupt möglich ist, in diese mehr oder weniger komplexen multiplen Prozesse einzugreifen.
                Und da dies für jeden anderen Menschen der Erde grundsätzlich in ähnlicher Weise gilt und galt, schien es irgendwann einmal notwendig gewesen zu sein, für all dies Schicksalhafte oder eben Unbeeinflussbare geheimnisvolle Wesen, Götter oder Gottheiten erst für zuständig, dann für verantwortlich und schließlich gar für unfehlbar zu erklären, um diesem subjektiven Ohnmachtsgefühl eine Art objektiven Ausdruck zu verleihen. Dies als "naiv / primitiv" oder gar "hilflos" zu bezeichnen, kehrt sich gegen die Urteilenden, die davon um so gut wie nichts Besseres zu sagen wissen.                 
                Aber wenn es doch nun so war – wie sehr oft – dass ganz am Anfang die irrige Annahme und der falsche Schluss, jeweils zum Greifen so nah, beieinander lagen? Und wenn, fast wie von selbst, gleich alles begriffen erschien und fortan auch in Geltung blieb - der Einfachheit halber und später dann, im Dienste der jeweils herrschenden Interessen?                   
                Das macht: Obwohl sich an diesen elementaren Grundlagen aller Ideologie bis heute qualitativ kaum etwas geändert hat, wird beispielsweise behauptet, in Folge der Erkenntnisse der Natur-Wissenschaften, insbesondere der Neuro-Wissenschaften, erübrige sich letztendlich nicht nur jeglicher Götter-Gedanke, sondern das gesamte menschliche Verhalten sei – im Grunde - eine mathematische Herausforderung und prinzipiell programmierbar. Sprachlogisch ist dieser (eben nur!) behauptete Zusammenhang, nicht widerspruchsfrei zu begründen. Er ist also, statt Widerlegung oder gar Erkenntnis zu sein, Widerspruch an und für sich.
                Vorgelegt werden für all dies, und alles Mögliche sonst noch, diverse "Studien", so weit wie Auge und Gedanke nicht reichen…, die fälschlicher Weise als Beweise ausgegeben werden.
                Deshalb gehören diese "modernen" positivistischen Wahrheits-Belege in ganz besonderer Weise zu den Haupt-Verdächtigen des alltäglichen, mitunter geradezu surreal existierenden Geschehens. Und Gottesbeweise hat es so wenig wie Widerlegungen in Wahrheit nie gegeben.

                Von vielen ähnlichen, logisch widersprüchlichen Behauptungen kann Vergleichbares gesagt werden und, wer weiß: Womöglich handelt es sich ja auch dabei, hegelianisch gesprochen, um so etwas, wie die "Anstrengung des Begriffs", hervorgerufen von der Eigenbewegung des menschlichen Geistes, dessen Teil ein jeder zu sein vermag, wenn er nur will und bereit ist, die Ebenen des Alltäglichen zu durchschreiten?

Nebensachen:

                Immer geschieht irgendetwas, in jeder beliebigen Stille, zu jeder beliebigen Zeit, an jedem beliebigen Ort. Die Aussage, dass hier oder dort gerade nichts geschehen würde, ist zwar möglich und wird in pragmatischer Weise auch verstanden, aber dennoch unwahr. Wahrer oder angemessener wäre es vielleicht, am Ende einer Beschreibung, z.B. statt: "…dann geschah nichts mehr an diesem Ort…" vom Grünen der den Ort umgebenden Bäume oder vom dahinschmelzenden Schnee zu erzählen.
                Der Lauf der Dinge und der Zeit lehrt – andererseits – so unabweisbar wie evident, dass immer wieder mal irgendetwas dann doch nicht, bzw. manch sehnlichst Erwartetes partout nicht geschehen "will". Und, beunruhigender mitunter: Oft geschieht völlig Unvorhergesehenes, "plötzlich und unerwartet", aus heiterem Himmel sozusagen… bestimmt auch 2018!

Verborgene Zusammenhänge

               An einem Sommer-Sonntag-Nachmittag, mitten im schon halbleeren Stadtteil-Park hat es ein etwa dreijähriges Mädchen mit, vom Laufen wild wehender, blondgelockter Zöpfchen-Frisur, ziemlich eilig. Es mit der ganzen Hand festhaltend, streckt sie mir, fast ein wenig triumphierend, ein buntes Bonbon-Papier entgegen und hastet, ihr Ziel offensichtlich klar vor Augen, an mir vorbei. Wie sogleich zu sehen ist, beabsichtigt sie, ihre überflüssig gewordene Bonbonverpackung vorschriftsmäßig auf direktem Wege zum nächsten Papierkorb zu tragen.
                Nach getaner Arbeit wendet sie sich noch kurz zurück zu mir, wie um zu kontrollieren, dass es mindestens noch einen weiteren Zeugen ihres Tuns geben möge; dann trabt sie, noch eine Spur selbstsicherer als zuvor, über die inzwischen matt leuchtende Wiese hinweg, in die Arme ihrer Erziehungsberechtigten, die sie mit sanft jubelnden, ausgebreiteten Armen erwartet. "Nicht sicher, ob wir einander jemals wieder begegnen," dachte ich auf einmal. Und ich kann (mir) nicht richtig erklären, warum sich diese Frage stellt und stellte, auf der lebenslangen Suche nach dem verborgenen Zusammenhang der Dinge?

Gedanken-Guerilla

                Selbst wenn ich es mir wünschen würde, zu sagen oder aufzuschreiben, was ich jetzt gerade (oder gerade jetzt?) denke und selbst wenn ich dies noch so wahrheitsgemäß wie nur möglich zum Ausdruck bringen wollte, geschieht innerhalb des Wort- und Satzbildungsprozesses sowie an seiner Reflexions-Schwelle, die zunächst einmal zu überwinden ist, damit das Gedachte überhaupt Teil der Außen-Welt werden kann, eine meist nicht mehr rückbeziehbare oder rückgängig zu machende, Veränderung des Gedachten – sehr selten durchschaut und außerdem verbunden mit mehr oder weniger bewusster Selbst-Zensur, sodass der Satz: "Ich sage, was ich denke..." logisch so gut wie unmöglich und eigentlich eine in sich widersprüchliche Äußerung darstellt.  
                Und wenn ich irgendwann einmal jemanden fragen möchte, was er gerade denke, so erinnere ich mich vielleicht daran, dass ich eigentlich darauf keine "wahrheitsgemäße" bzw. angemessene Antwort zu erwarten habe und überlege mir, lieber gleich eine andere Frage zu stellen oder wenigstens eine veränderte Fragehaltung einzunehmen? Wie oft, pro Tag oder Stunde, mögen Menschen einander diese Frage stellen? Und wie oft wird die jeweilige Antwort, so oder so, mindestens unbefriedigend sein, viel öfter jedoch unwahr? Die Suche nach der Wahrheit oder den Wahrheiten endet mit der starken Vermutung, dass nur vom Finden des Unwahren und der Unwahrheiten berichtet werden könne.  
                Dennoch tragen solche und ähnliche Behauptungen, gerade wegen ihrer versteckten (also zu entdeckenden) Unwahrheiten dazu bei, meine Aufmerksamkeit für das zu schärfen, wofür die Sprache mehr und mehr herzuhalten gezwungen wird. Sie führen also, abgesehen von ihren jeweiligen (manipulativen) Absichten, als lebendiger Teil des Sprachgefüges, eine Art Eigenleben und bekommen nicht selten ganz allein Licht von anderer Seite. So gesehen kann unter Zuhilfenahme der Sprache zwar jede Menge Unsinn aber nur selten tatsächliche Sinnlosigkeit erzeugt werden.

                Mit anderen, widersprüchlich interpretierbaren Formulierungen – wie: schwarze Null oder Zukunftsfähigkeit oder aktuell, weil wieder (und eigentlich so gut wie immer) Wahlkampf ist: Obergrenze und doppelte Haltelinie – kurz: der "atmenden Deckel" der Populisten; mit diesem Verblödungs-Geschwätz hat sich längst ein totlässiger Jargon des Ungenauen, Beliebigen und Gleich-Gültigen nahezu unmerklich in die Sprache eingeschlichen - oder gar sich ihrer bemächtigt? 

                Vorwiegend so, als sprachliche Verwirr-Spielchen entstehen heutzutage die großen Lügen sowie die noch größeren Unwahrheiten: in Form von alles und nichts sagenden Begrifflichkeiten der herrschenden Gedankenmüll-Produzenten. 

Nebensachen:

                Die "Trommeln in der Nacht" – das sind in diesem August die feurigen Sommergewitter, und der Himmel ist nun mal nicht schuldig zu sprechen für das, was von dort kommt.

               

Nächte wollen nichts

Nichts, was nicht zunächst gelernt sein will oder gar werden muss; und dies gilt nicht zuletzt vom Wollen selbst (wieviel mehr noch im Gewand des freien Willens)? Gefragt wäre also ein Lernen, um wollen zu können, statt sich, ungeübt, oft weniger zuzutrauen, als die Gegebenheiten ermöglichen wollten. Der Kopf an der Wand sieht eben ähnlich ungekonnt aus wie das Stolpern beim zu schnellen Gehen, treppaufwärts, wie einst bei Edmund Stoiber.

Doch wäre der Wille der Menschen so frei, wie noch immer von all den heftig daran Interessierten behauptet wird, würde er wohl kaum, irgendwann einmal und immer wieder von Neuem, einen Gott, noch weniger einen Staat, bzw. sonstige, ihn bevormundende Autoritäten für sich gewollt haben und so manches andere vermutlich noch viel weniger.

Was würde es wohl für das Selbstverständnis und die Charakterisierung des, scheinbar nicht wegzudenkenden Menschlichen an sich, oder gar des Menschen an sich, bedeuten und wie würde sich die Beziehung zur Natur und zu dem, was sonst noch so alles als menschlich bezeichnet wird, verändern (müssen), falls nachprüfbar festgestellt werden könnte (und schließlich auch würde), dass es in der Geschichte all der unterschiedlichen Völker und Volksgruppen der Menschheit, vom Ende aus gesehen, doch so zugegangen sei, dass es durchaus als gerecht bezeichnet werden dürfte?

Aber von welchem Ende aus und wie und wann könnte dies in Betracht gezogen werden?

Nebensachen I:

Die Ferne selbst und das ersehnte Ferne locken nur, solange und sofern sie noch erreichbar zu sein scheinen. Dafür werben sie mit ihrer Aura, die ihnen irgendwann einmal zugeschrieben wurde...

Nebensachen II:

Obwohl so gut wie nie und jedenfalls nirgends auffindbar, existieren unzählige Chimären der Menschen so lange munter weiter, so lange sie ihnen nützlich erscheinen; und sei es nur, um etwas zu haben, wonach gesucht werden kann: Arbeit für die Jäger und Sammler, z.B. in Gestalt der Suche nach dem Sinn des Lebens, unerreichbarer Trost allem Sterblichen an und für sich. Denn so sehr sie sich auch immer bemühen und bemüht haben: Es blieb und bleibt davon kaum mehr als Fragwürdiges, allenfalls die dem Fragenden sich mal mehr, mal weniger aufdrängenden Frage-Möglichkeiten.

Warum vermag nur jene Sehnsucht, die um ihre Unerfüllbarkeit weiß, das Leben mit dem Glanz des Kostbaren zu beleuchten?

Wie viele haben schon lange und längst aufgehört zu denken und SIND, dessen ganz ungeachtet?

Ein kurzer Versuch über den Anfang (Für Peter Handke)

Der Erzähler betritt an einem Sommerabend das Spielcasino einer Kleinstadt. Wie immer, gelingt es ihm erst dann, schrittweise seine Unsicherheit zu verringern, sobald er das leise Klicken spüren kann, mit dem die eingewechselten farbigen Jetons in der linken Jackentasche durch seine Finger gleiten. Trotz der Hitze draußen, sind fast alle Tische geöffnet.

Nur die jeweils letzte, etwas eindringlicher klingende Absage des "Nichts mehr, bitte!", stört das Gleichmaß, mit dem die Croupiers monoton die Annoncen platzieren, die Kugel handgelenkig in den glänzenden Holzkessel werfen, verloren und gewonnen wird. Das Geräusch, das ihm immer als das deutlichste in Erinnerung bleiben wird, ist ein Rasseln, welches durch das aufreizend schnelle Abziehen der verlorenen Jetons vom Tableau unmittelbar nach Beendigung des Spiels verursacht wird. Das Spiel des Erzählers ist es, alle Zahlen, die durch sechs teilbar sind, 'en plein' zu setzen. Auf diese Weise hofft er, sämtliche kessel- oder tableaubedingten Serien und scheinbaren Regelmäßigkeiten vermeiden zu können.

Daher lautet seine Annonce jedes Mal: "Das Einmaleins der Sechs, bitte", und es gelingt ihm, mit dieser ungewöhnlichen Platzierung, wenigstens einen Moment lang, nicht nur bei den Croupiers für Aufsehen zu sorgen. Es gehört zu seiner Überzeugung, und allein deshalb gefällt ihm das Spiel, dass er sich nur dadurch jenen geringen Vorteil zu verschaffen vermag, den er benötigt, um überhaupt an seine Gewinnchancen glauben zu können. Denn dass langfristig die Vorteile eindeutig zuungunsten der Spieler verteilt sind, hatte er von Anfang an zu den Bedingungen gerechnet, die es als unveränderbar hinzunehmen galt. Der Erzähler beginnt sein Spiel immer erst dann, wenn seine sechs Zahlen fünfmal hintereinander ausgeblieben sind.

Während dieser Vorbereitungsphase, die nicht selten eine Stunde in Anspruch nimmt, bleibt ihm - neben des eher mechanischen, fast routinierten Speicherns des zu seinem Angriff nötigen Zahlenmaterials - ausreichend Zeit, die mit noch mehr Sicherheit ausgestattete Position des Saalbeobachters einzunehmen. Ungestörter und dafür desto aufregender als in diesem Spielzusammenhang, an dem er als Beobachter und Gegenstand der Beobachtung (nicht nur der eigenen, sondern auch jener der Croupiers) teilnimmt, kann er sich das Spiel der Gedanken und all ihrer Wortmünzen nicht vorstellen.

Sein Satz vom Nachmittag fällt ihm ein und scheint mit einem Male identisch und phasengleich mit dem unbeirrbaren Lauf der weißen, im Kesselholz kreisenden Kugel: "Nur jenes Schweigen soll gelten, das eine Spur zu ziehen imstande ist; etwa als Zeit-Raum nach dem Verklingen eines Wortes..." Begleitet von mehrmaligem, tiefem Luftholen und Ausatmen, versammeltem Schauen, ganz ohne jede sonstige, sichtbare Tätigkeit gelingt ihm mühelos die Fortsetzung: ...oder jetzt: als Sekunden nach dem Verkünden der gefallenen Zahl und ihrer Bestimmungen: 24, SCHWARZ, PAIR, PASSE.

Die Verlagerung und Rückkehr des Gedankens zur augenblicklichen Wirklichkeit - sehr oft war ihm dieser so leicht vorstellbare Schritt bis zu seiner Unmöglichkeit schwer gefallen.

Hier aber, wo die meisten verlieren, verliert sich auch die Differenz zwischen Innen- und Außenwelt im Spiel mit der Zeit. Alle Ereignisse scheinen entweder im Einklang mit dem Lauf der Kugel zu sein oder sie befinden sich im Widerspruch dazu; es gibt nur richtig oder falsch, von Fall zu Fall, ZUFALL.

Der Erzähler registriert, wie nacheinander dreimal Zero, dann 35 und 26 getroffen werden. Seine Bedingungen, um das Spiel tatsächlich zu eröffnen, sind also restlos erfüllt. Seine Hand beschäftigt sich auch längst mit den Chips, um sie als kleinen Stapel, zusammengehalten von den dazu nötigen vier Fingern der linken Hand, dem Drehcroupier zum Satz aufzulegen.

Schon ganz am Anfang, als er auf diesen Tisch zugegangen war, traf einer seiner ersten, noch um Orientierung bemühten Blicke sich mit jenem einer Spielerin, die nur kurz und doch erkennbar von ihren Spielgeldtürmchen aufgeschaut hatte; jedenfalls eindringlich genug, damit er diesen Augenblick einige Zeit bei sich behielt.

Und jetzt - wie um den Eindruck von vorhin zu erneuern und dadurch zu bestätigen - wiederholt sich diese Begegnung als gemeinsame Ebene im Raum, gebildet von unsichtbaren Verbindungen der beteiligten Augenpaare - mathematischer Ausdruck unerklärter Übereinstimmung oder Differenz ? Und noch immer beschäftigen ihn die Zeitsätze, als er zum zweiten Mal nicht sicher sein kann, ob der zu ihm reichende Blick lediglich ein fragloses Einverständnis oder aber selbst eine Frage ist, deren sinngemäßer Inhalt, aller Wahrscheinlichkeit nach, weder in dieser Situation noch überhaupt jemals zu klären sein würde.

In diesem Moment seines anhaltenden Zögerns wendet sich die Spielerin, wie um alle Zweifel für jetzt und immer zu beseitigen, schnell und bestimmt dem rechts von ihr sitzenden Croupier zu und legt mit leichtem und geübt wirkendem Schwung sechs Jetons auf. Ihre Worte sind - fast geflüstert - nicht zu verstehen.

Der Erzähler verfolgt mit einer von geworfener Zahl zu Zahl sich steigernden, der Verzweiflung beängstigend nahe kommenden, jedenfalls alle Sinne beanspruchenden Haltung die Offenbarung seines - wie er glaubte - Satzgeheimnisses, was noch dazu auf eine, wie ihm vorkam, unerträglich verletzende Weise geschah in Form einer fast schon aufreizenden Langsamkeit, mit welcher der Croupier die Platzierung der Jetons vornimmt.

Ähnlich den verlangsamten Wiederholungen von Strafraumszenen während der Übertragung eines Fußballspiels, nimmt er dies und alles weitere wahr wie längst Gesehenes: dass die Kugel abgeworfen wird, während seine Augen, die rechte Kolonne des Spielfelds hinunter gleitend, nacheinander Verbindung mit den, von 100-Mark-Jetons halb verdeckten Zahlen 6, 12, 18, 24, 30 und 36 herstellen und es ihm dabei unmöglich ist, der Fortsetzung des Spielgeschehens anders zu folgen, als mit dem Ausdruck, der entsteht, wenn die Fingerspitzen beider Hände die Schläfen berühren.

Diese theatralische Pose beibehaltend und ohne einen einzigen Gedanken auf die Möglichkeit zu verwenden, selbst zu setzen, verharrt er, mit von Wurf zu Wurf gelösterem Blick auf das Roulette, bis beim 13. Mal keine der sechs Zahlen getroffen wird. Bei all seinen bisherigen Versuchen hatte er niemals eine solche Serie erlebt.

Wie um die in der Zwischenzeit am Tisch aufgekommene Unruhe noch zu vergrößern, erhebt sich die Spielerin, mit einem angedeuteten Lächeln grüßend, und geht in die Richtung, in der sich die Bar befindet. Sie verschwindet sogleich hinter einer ringsum mit Spiegeln verkleideten Säule aus dem Blickfeld des Erzählers, der wenig später das Casino der Kleinstadt verlässt.

Mit jedem seiner Schritte, die ihn rasch von der schon hell erleuchteten Eingangstreppe in die ländliche Dunkelheit bringen, glaubt er zu spüren, wie sich Kopf und Körper straffen. Und selbst kaum noch Sichtbares prüft ein frisch geschärfter Blick.

Unberücksichtigt gebliebene Unworte der Jahre 2015/16 ff.

Unglaublich – unfassbar – spannend – sehr gern – nicht wirklich – definitiv - ich freu' mich auf Sie – wenn Sie mal schauen wollen – schön, dass Sie bei uns sind – soziale Netzwerke – danke für die Einschätzungen – das Gespräch haben wir kurz vor der Sendung aufgezeichnet – was ich Sie gern fragen möchte – mit der Bitte um eine kurze Antwort – wahnsinnig interessant – ein Stück weit – an dieser Stelle – am Ende des Tages – meine lieben Zuschauer – schön, dass Sie da sind – Sicherheitsarchitektur – zukunftsfähig - zutiefst überzeugt - Wetter-Update – minutengenauer Stauzeitrechner – Hauptsache, ihr habt Spaß...

Nebensachen I: Es gehe (ihr) einzig und allein darum, dass man die Welt in die Sprache zwingt." - Eva Strittmatter (8.2. 1930 – 3.1. 2011), in einem Gespräch einer FS-Dokumentation zu ihrem 80. Geburtstag.

Nebensachen II: Der Punkt ist unnötig; er widerspricht den Gedanken-Gebilden, in denen er nicht vorkommt. Er befördert, erzwingt manchmal sogar, Sätze zu beenden, die noch nicht zu Ende sind. Er bremst das Fließen der Gedanken und staut die Wörterflut, sodass sie sich zurückzuweichen genötigt sehen und oft unwiederholbar verloren gehen. Warum also gibt es dann diesen Punkt? Anders als seine Geschwister, Ausruf- und Fragezeichen, ist er in der mündlichen Umgangssprache explizit so gut wie unhörbar. Beim Versuch, die Satzzeichen mitzudenken, stellen sich diese, unmittelbar und sperrig, dem Denken in den Weg; der Vorgang der Transformation in die Schriftsprache scheint dann aber für die kopfgesteuerte Hand, unbewusst und automatisch , zu bedeuten, sofort auf Zeichensetzung umzustellen Und wenn dieser Prozess erst mal läuft fällt es überaus schwer diese verrückten Zeichen plötzlich wegzulassen

Grundlose Nächte

                Was auch geschieht: Ob ein Auto, "scheinbar grundlos", von der Fahrbahn abkommt oder eine Fußballmannschaft, wegen eines "unglücklichen Eigentors", ein Spiel verliert oder aus heiterem Himmel ein Schuss fällt; es müssen Gründe gesucht und gefunden werden, um das Geschehene zu (er)klären und, wie oft zu hören ist, aus (vermeintlichen, oft jedoch nur unterstellten) Fehlern zu lernen. Aber zeigt sich denn nicht immer wieder neu, dass selbst die Vermeidung jeglicher "Fehlerquellen" nicht dazu imstande war und ist, unerwünschte Ereignisse zu verhindern oder auch nur aufzuhalten?
                Kann es also nicht sein, dass eine unbekannte Anzahl von Ereignissen, ganz im Stillen, einer Art parallelen Logik jenseits des Vordergründigen folgt, und daher all die vielen, ungeliebten Niederlagen von einem (sozusagen: hinter dem Rücken vorangehenden) allmählichen Lernprozess begleitet werden, um wenigstens, sowohl den Zweifel an der eigenen Unsterblichkeit zu akzeptieren, als auch Trost darin zu finden?
Und ermöglicht das Verlieren nicht, sozusagen ins Reine übersetzt, das Wiederaufstehen so lange zu genießen, wie es noch möglich erscheint und ist? Ja, und was wäre dann eigentlich dagegen einzuwenden, ein schlechter Verlierer zu sein, oder wenigstens sein zu wollen oder zu werden? Womöglich ginge es in der Welt sogar viel gerechter zu, wenn es ganz viele schlechte Verlierer gäbe?
 
Nebensachen I:
                Teilnehmender Beobachter kann ich nur sein und als ein solcher gelten wollen, wenn ich zuvor schon längst beobachtender Teilnehmer geworden bin.
 
Nebensachen II:
                Muss aufrichtiges Erzählen nicht damit beginnen, zu erklären, warum dies in Wahrheit nicht möglich ist? Muss die Beschreibung des gerade Gedachten nicht damit beginnen, zu beschreiben, dass und weshalb dies wahrheitsgemäß nicht möglich ist?

Fortschreitende Nächte

                Die Wissenschaft, so ist noch immer in glaubensähnlicher Naivität zu hören und, öfter noch, zu lesen, bringe den Fortschritt. Der Grad der Befreiung der Frau von der Unterdrückung durch den Mann zeige den Grad gesellschaftlichen Fortschritts im Laufe der menschlichen Geschichte... Zum Fortschritt erklärt wurde ferner die Eheerlaubnis für gleichgeschlechtliche Paare, desgleichen die staatliche Prämie für Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in die Kita schicken oder die Verbannung von Schweinefleischgerichten aus den Schul- und Kita-Küchen, aus Rücksicht auf Muslime.
                In der Medizin wurde die Anwendung von Opiaten oder von Penicillin als Fortschritt gefeiert. Und "glücklicherweise" (!) mag längst nicht mehr auszuschließen zu sein, dass irgendwann die Freigabe von Marihuana genauso zum Fortschritt gerechnet werden darf wie eine "freiwillige" lebenslange Arbeitszeit oder eine solche in Form der Tätigkeit für die Gesellschaft.?
                Allen Fortschritts-Verkündern und -Verkünderinnen gemeinsam jedoch ist es, nahe zu legen oder gar zu unterstellen, dass durch die propagierten Errungenschaften (nicht nur die Atombombe wurde als “Errungenschaft“ des Menschen bezeichnet) oder Tat-Sachen etwas besser geworden sei oder jedenfalls werden würde als zuvor; dies meist ohne jegliche Evidenz oder gar Versuchen, Begründungszusammenhänge herzustellen. Und da tagtäglich von überallher Fortschritte auf nahezu allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens gemeldet werden, erhält die Fortschrittsgläubigkeit tagtäglich, so unaufhörlich wie reichlich, frische Nahrung; sie wird immer dicker und fetter, bis...na ja, bis sie irgendjemandem zum Halse heraushängt.

                 Vielleicht wird es aber irgendwann doch noch fortschrittlich genannt werden, grundsätzlich zu bezweifeln, dass wer auch immer eine Legitimation habe oder gehabt hätte, zu behaupten oder gar zu entscheiden, dass auf der mehr und mehr verlängerbaren Reise – (was "natürlich" / "an und für sich" ebenfalls als Fortschritt gilt) - nicht nur der Menschen, sondern jedes einzelnen Individuums, unaufhörlich vorangeschritten werden müsse, und diese ganze Angelegenheit  auf jeden Fall und "sehr gern" immer angenehmer zu werden habe?

"...und die Wahrheit wird so lange Märtyrer machen, als die Philosophie noch ihr vornehmstes Geschäft daraus machen muss, Anstalten gegen den Irrtum zu treffen."

(Friedrich Schiller: "Über die ästhetische Erziehung des Menschen - Sechster Brief")

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