Schillers Urenkel

Der freie Lauf der Gedanken unterscheidet nicht nach guten oder schlechten Nachrichten, nach guten oder schlechten Taten; er entscheidet sich gegen jegliche Moral und für den Dialog.

In jener "Einsamkeit der Wälder" mag die Vermutung entstehen, die Gedanken müssten - nicht zuletzt - auch deshalb frei sein, damit wenigstens im Geiste all die kleinen Gemeinheiten (oder gar Verbrechen) geplant und ausgemalt werden können, die, ausgeführt, verboten sind oder unter Strafandrohung stehen; meistens sogar beides?  Also: die Verteidigung "der Einsicht in die Notwendigkeit" (Friedrich Engels)als Bedingung von Freiheit (und umgekehrt!)

Der Autist hat sich eingesperrt oder ist eingesperrt worden. Sein Schicksal, abgesehen davon, dass er als ein kranker Mensch gilt, taugt jedoch durchaus zum Spiegel für die Anderen, Gesunden. Sie müssten nur genau genug hineinschauen. Aber auch noch dafür zu sorgen, ist ihm nicht gegeben - in seinem Gefängnis.

Und natürlich kommt "zuerst das Fressen". Die Moral, die das nicht wahr haben will, beherrscht bequem und satt das Jammertal.   

Nachtnotiz 7

Die Nacht - sie kann auch Ort sein, Zufluchtsort unstillbarer Sehnsucht - utopisches Verlangen nach dem unvergleichlichen, wenigstens Ewigkeit vortäuschenden, Augenblick.

Jedem Anfang wohnt ein Ende inne - der Zauber täuscht nur darüber hinweg; hierfür ist er geschaffen und immer wieder neu erfunden worden: als Zauberkunst, der Kunst der Täuschung, der scheinbaren Verwandlung, der (Vor-)Spiegelung.

Beschreibe gefälligst, was da ist und wie es (dir) geschieht. Gefalle (dir) wenigstens darin, nicht gefällig sein zu wollen. Wiederhole nicht(s), sondern finde wieder! Also: "Geh zu jenen. die dich nötig haben!" Rahel Varnhagen

"Raucher sterben früher" steht auf der Zigarettenpackung. Doch genauso gut könnte darauf stehen: "Raucher sterben später". Denn beide Aussagen sind innerhalb der Logik von Raum und Zeit nicht beweisbar, also sinnlos.

"Die Zahlen", so heißt es, "sprechen eine andere Sprache." Es ist eine Sprache, in der nichts erzählt werden kann und die, gedankenlos, nichts zu erzählen hat. Und so scheitert die Vermessung der Welt Tag für Tag am Unberechenbaren.

   

Nachtnotiz 6

Die Traurigkeit gehört nicht nur zum Leben, sie kennzeichnet es wesentlich. Und sie nimmt vom ersten Augenblick teil an jeder Freude, jedem Glück und begleitet, freundlich lächelnd, das vergebliche Bemühen, festzuhalten, was zum Verweilen weder gedacht noch geeignet ist. "Zeit ist Frist", bekannte Heiner Müller einmal "auf der Heimfahrt" in einem traurigen Gedicht.

Aber / kein "aber" - die Gedanken ergeifen mich, indem ich sie ergreife und begreife, dass wir unzertrennlich sind, solange es uns gibt, ganz so, wie gute Freunde, Gefährten, manchmal Liebende.

Nacht-Freundin

Nacht

Schwester des Todes

gepriesen

als Freundin der Wahrheit

zu himmlischen Tönen

einer Gewitternacht

Nachtwege

Unerfindlich, die Wege der Nacht

doch geeignet,das Weite zu suchen

und fragend den Tag zu begleiten:

wie mag es wohl sein

wahr oder falsch - unerheblich

jedenfalls nichts versprechend

ohne Trost oder schamlose Hoffnung

einfach da, einfach anders, nur Leben? 

Regennacht

Es hat aufgehört zu regnen, und ich schließe das Fenster...

Es hatte zu regnen aufgehört. Ich schloss das Fenster und betrachtete die Unschärfen eines jener Bilder, wie sie beim Blick durch Fensterscheiben, an denen Wasser herunterrinnt, entstehen. Lange, sehr lange ist das nun schon her. Was bleibt? Die Deutung der Bilder, Zeichen und Symbole als Botschaften und die Entdeckung der Freiheit in den unberechenbaren Zwischenräumen.Folge"richtig" also berechenbar mag dagegen sein, dass das Unrecht - in letzter Instanz - frei gesprochen wird.. 

Nachtnotiz 5

Es sind die längst vertrauten NachtGESTALTEN, die die Nacht GESTALTEN. Gleich einem - weithin sichtbar wie unantastbar - fernen Leuchten, das nicht blendet, nichts ankündigt oder gar verkünden will, sondern nur Ausschau zu halten scheint, nach den Seinen.

Von seinem Glück sprechen... Das bedeutet auch, vom individuellen Bewusstsein als dem notwendig unglücklichen zu wissen.   

Schneenacht-Flüstern

Nacht-Schatten wandern spät

durch lebensmüde Großstadt-Straßen

von fern ein Schneenacht-Flüstern

und vielleicht: ein Paar

das tief gebückt spazieren geht

Nachtnotiz 4

Beachte, wenn du glaubst, schreiben zu wollen, das Geräusch des Bleistifts auf dem Papier oder das des herbstfarbenen Blattes, wenn es, vom Baum fallend, in deiner Nähe den Boden berührt, und auch, dass eins mit dem anderen zu tun hat.

Und werden nicht Tag für Tag überall irgendwelche Spuren beseitigt, die verräterisch sind oder sein könnten, obwohl weder ein Mord begangen wurde, noch überhaupt ein Verbechen geschehen ist? Vetuschtes Leben?   

Nachtnotiz 3

Nicht im Wein, im Weinen liegt die Wahrheit.

Das Maß der Dinge - beinahe jedes hat es als sich veränderndes. Was wir erkennen, kann allein schon deshalb nicht beständig sein und uns also auch nicht sagen, was und wie es beschaffen ist.

Zuerst vergessen wir, um überhaupt weiter und weiter leben zu können; am Ende vergessen wir, damit das Sterben leichter fällt.

Die Sehnsucht ist immer im Recht, mehr noch: sie ist das Recht und auch die Richterin.

So verbringe ich schweigend viele Stunden mit dir, dem Anderen, der Anderen, dem ganz Anderen in mir. Du sagst, das seien nur Worte, konstruierte Gedanken, unerlaubte Abstraktionen? Nein, es handelt sich ganz einfach darum, was überhaupt geschieht: die einzig wahren und wahrhaftigen Begebenheiten ereignen sich  im Kopf, und sobald sie ihn verlassen, fehlt ihnen immer (und not-wendig!) das, was die ganze Wahrheit wäre.

  

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