Vom Fall der Gefallenen

Mit "großer Betroffenheit und tiefem Mitgefühl für die Angehörigen" gefallen sich jene, die vom Krieg nichts wissen wollten, nun darin, die Gefallenen zu betrauern, die von ihnen dorthin geschickt wurden und werden, wo der Krieg tagtäglich der Fall ist. Ach, könnten die Gefallenen doch aufstehen und berichten, dass sie tatsächlich getötet wurden und nicht so einfach mal fielen. Aber, das ist natürlich nicht möglich, und so bleibt es bei der Lüge vom Verteidigungsfall für die Freiheit, für die es sich schon noch lohnen würde, zu fallen.  

 

Wirklichkeiten

"Nein, nicht wirklich", sagte vorhin der Landrover-Fahrer beim Aussteigen in sein Handy und rückte sich den dunkelroten Seidenschal zurecht, den er - wie viele jener postmodern Uniformierten - als Lasso eng um den Hals geschlungen, trug.

Damit Einige deutlich über ihren Möglichkeiten leben können, wird alles Mögliche getan, um Viele unter ihren Möglichkeiten leben zu lassen. Es ist aber noch immer möglich, dass die Vielen dies wirklich ändern werden.  

Die Gegenwart - so wird vermutet - dauere nur drei Sekunden. Sie ist also jetzt vorbei. 

Ich bin nicht der "festen Überzeugung", dass all jene, die sich tagtäglich rühmen, einer "festen Überzeugung" zu sein, bereits lügen, bevor sie verlautbaren, um welche Überzeugung es sich diesmal handelt. Ich denke aber, dass die überzeugten - in der Regel - die gefährlicheren Täter sind. 

Nur die Sehnsucht, die gelernt hat, ihre Unerfüllbarkeit zu ahnen, erfüllt das Leben mit dem Glanz des Kostbaren. Ein Leben kann nicht gelingen, aber es kann gelingen, zu leben - nicht fraglos, sondern fragend, also fragwürdig.   

Nachtspiel

Die Unbeweisbarkeit dessen, was für besser oder schlechter gehalten wird, ist unabweisbar. Und es genügt bereits, nur ein wenig von außen an den Wänden und Kanten all der kleinen und großen Wertegebäude zu kratzen, um zu entdecken, wie schnell sie - bei Bedarf - wieder abgerissen werden können, abendländisch, morgenländisch...

Man könnte zu dem Schluss kommen, dass bereits alles gesagt sei. Gesagt ist damit jedoch nicht, dass fortan geschwiegen werden müsse.

Selbst das Spiel mit den Worten kennt Verlierer und Gewinner (und unterscheidet danach), wie alles Spielerische. Auch wer mit dem Bleistift spielt, möchte, dass es ihm gelingen möge. Es kommt nicht auf den Einsatz an, sondern darauf, die immer drohende Niederlage abzuwenden; denn je drohender sie ist oder vorgestellt wird, desto triumphaler wird der Sieg sein.   

Nachtnotiz 9

Allnächtliche Nachrufe, Nachworte, Nachtworte -  ins Dunkle gedacht,, unausgesprochen, fast unausweichlich; und auch diese Freiheit führt direkt in  Friedrich Nietzsches "Einsamkeit der Wälder". Empfänger: meist unbekannt, nicht zu ermitteln. Und dennoch: tägliches Sollen als Sein gegen das Haben; es sei denn als Angst, Tag für Tag überwindbar, nie endgültig. Aber das ist nicht zu beklagen.

Zwischen zwei Waldwegen, die ungefähr parallel zueinander verliefen, der eine etwas oberhalb des anderen, versuchte er, mehr auf und ab steigend als gehend, die einmal gewählte Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. Manchmal wechselte er, absichtslos und ohne jeglichen Impuls dazu, das Tempo. Wenig später war ihm dieses auf und ab steigende Gehen als eine gültige Auskunft über die Freiheit erschienen.   

Nachtnotiz 8

Bei Begriff und Behandlung des Stotterns als Sprachfehler oder Sprechstörung wird übersehen, dass der Stotterer nur gründlich hörbar den immer nötigen Zweifel und das nie versiegende Misstrauen auf den Punkt bringt, wovon der ganz "normale" Redefluss sonst nichts zu wissen scheint und darin seine Ordnung findet. Die Angst des Stotterers, nicht sagen zu können, was der Gedanke meint, die Angst, unerhört zu bleiben, die das Sagen ins Versagen schickt, indem sie ihm den Atem nimmt; die Angst gehetzter Worte, die Verfolger vor sich und im Nacken spürend - davon befreit nur Nähe, ohne die Verständigung nicht möglich ist.

In der Nacht wird mit der Finsternis gehandelt, und die Angebote sind nicht schlechter oder minderwertiger als die des Tages. Die Farben der Nacht - sie glänzen zwar matt, aber sie glänzen.

Die Einsamkeit hat zu Unrecht einen schlechten Ruf; sie bleibt dem, was es heißt, zu leben, näher befreundet als alle Geselligkeit.

Worum es geht? Um das, was heute (auch: hier und jetzt) geschieht; was also der Fall ist, soll(te) beschrieben werden, und im Zuge der Beschreibung entsteht vielleicht ein ungeschnittener Film, der dennoch zu erzählen vermag, wie es geworden ist und (noch) weiter werden wird.

Es ist die Stille aller Nächte,

die irgendwann,

in einer Nacht vereint,

den Augenblick verewigt.      

Schillers Urenkel

Der freie Lauf der Gedanken unterscheidet nicht nach guten oder schlechten Nachrichten, nach guten oder schlechten Taten; er entscheidet sich gegen jegliche Moral und für den Dialog.

In jener "Einsamkeit der Wälder" mag die Vermutung entstehen, die Gedanken müssten - nicht zuletzt - auch deshalb frei sein, damit wenigstens im Geiste all die kleinen Gemeinheiten (oder gar Verbrechen) geplant und ausgemalt werden können, die, ausgeführt, verboten sind oder unter Strafandrohung stehen; meistens sogar beides?  Also: die Verteidigung "der Einsicht in die Notwendigkeit" (Friedrich Engels)als Bedingung von Freiheit (und umgekehrt!)

Der Autist hat sich eingesperrt oder ist eingesperrt worden. Sein Schicksal, abgesehen davon, dass er als ein kranker Mensch gilt, taugt jedoch durchaus zum Spiegel für die Anderen, Gesunden. Sie müssten nur genau genug hineinschauen. Aber auch noch dafür zu sorgen, ist ihm nicht gegeben - in seinem Gefängnis.

Und natürlich kommt "zuerst das Fressen". Die Moral, die das nicht wahr haben will, beherrscht bequem und satt das Jammertal.   

Nachtnotiz 7

Die Nacht - sie kann auch Ort sein, Zufluchtsort unstillbarer Sehnsucht - utopisches Verlangen nach dem unvergleichlichen, wenigstens Ewigkeit vortäuschenden, Augenblick.

Jedem Anfang wohnt ein Ende inne - der Zauber täuscht nur darüber hinweg; hierfür ist er geschaffen und immer wieder neu erfunden worden: als Zauberkunst, der Kunst der Täuschung, der scheinbaren Verwandlung, der (Vor-)Spiegelung.

Beschreibe gefälligst, was da ist und wie es (dir) geschieht. Gefalle (dir) wenigstens darin, nicht gefällig sein zu wollen. Wiederhole nicht(s), sondern finde wieder! Also: "Geh zu jenen. die dich nötig haben!" Rahel Varnhagen

"Raucher sterben früher" steht auf der Zigarettenpackung. Doch genauso gut könnte darauf stehen: "Raucher sterben später". Denn beide Aussagen sind innerhalb der Logik von Raum und Zeit nicht beweisbar, also sinnlos.

"Die Zahlen", so heißt es, "sprechen eine andere Sprache." Es ist eine Sprache, in der nichts erzählt werden kann und die, gedankenlos, nichts zu erzählen hat. Und so scheitert die Vermessung der Welt Tag für Tag am Unberechenbaren.

   

Nachtnotiz 6

Die Traurigkeit gehört nicht nur zum Leben, sie kennzeichnet es wesentlich. Und sie nimmt vom ersten Augenblick teil an jeder Freude, jedem Glück und begleitet, freundlich lächelnd, das vergebliche Bemühen, festzuhalten, was zum Verweilen weder gedacht noch geeignet ist. "Zeit ist Frist", bekannte Heiner Müller einmal "auf der Heimfahrt" in einem traurigen Gedicht.

Aber / kein "aber" - die Gedanken ergeifen mich, indem ich sie ergreife und begreife, dass wir unzertrennlich sind, solange es uns gibt, ganz so, wie gute Freunde, Gefährten, manchmal Liebende.

Regennacht

Es hat aufgehört zu regnen, und ich schließe das Fenster...

Es hatte zu regnen aufgehört. Ich schloss das Fenster und betrachtete die Unschärfen eines jener Bilder, wie sie beim Blick durch Fensterscheiben, an denen Wasser herunterrinnt, entstehen. Lange, sehr lange ist das nun schon her. Was bleibt? Die Deutung der Bilder, Zeichen und Symbole als Botschaften und die Entdeckung der Freiheit in den unberechenbaren Zwischenräumen.Folge"richtig" also berechenbar mag dagegen sein, dass das Unrecht - in letzter Instanz - frei gesprochen wird.. 

Nachtnotiz 5

Es sind die längst vertrauten NachtGESTALTEN, die die Nacht GESTALTEN. Gleich einem - weithin sichtbar wie unantastbar - fernen Leuchten, das nicht blendet, nichts ankündigt oder gar verkünden will, sondern nur Ausschau zu halten scheint, nach den Seinen.

Von seinem Glück sprechen... Das bedeutet auch, vom individuellen Bewusstsein als dem notwendig unglücklichen zu wissen.   

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